BLATTZEIT - Ausgabe September
Liebe Mitglieder der Landesjägerschaft Niedersachsen,
unsere Kulturlandschaft in Niedersachsen ist zunehmend geprägt durch das Zerschneiden von Lebensräumen im Sinne des Menschlichen Vorteils. Ob mehrspurige Straßen, Autobahnen, Schienenwege oder Stromtrassen: Das Zusammenleben von Mensch und Wild entwickelt sich zu einer ständig wachsenden Herausforderung. Die Infrastruktur des modernen Menschens trennt Lebensräume, unterbricht Wanderkorridore und gefährdet so langfristig die genetische Vielfalt sowie die Populationen unserer Wildarten. Vor allem die Wildkatze, das Rotwild und deren ökologische Verflechtungen mit der Biodiversität haben zunehmend ihr Nachsehen. Die Notwendigkeit von Wildquerungshilfen ist somit nicht nur eine Forderung aus dem Tierschutzgedanken, sondern eine strategische Maßnahme zur Sicherung einer funktionierenden Ökologie, zur Förderung der Artenvielfalt und zur Gewährleistung einer verantwortungsvollen Jagdausübung. In der jüngeren Vergangenheit machen unserem Wild zudem die überdimensionalen PV-Parks das Leben schwer. Ja, wir dürfen uns vor der Energiewende nicht verschließen – aber nicht zu Lasten unserer heimischen Natur.
Die Wildkatze, mit ihrem ruhigen Wesen und ihrer räuberischen Anpassungsfähigkeit, gilt seit jeher als Bio-Indikator für die besondere Qualität eines Lebensraumes. Ihre Bewegungswege sind geprägt von breitgefächerten, teils weitreichenden Strecken durch Wald- und Offenlandbereiche. Wenn Querungen fehlen, dasselbe gilt natürlich auch für Rotwildpopulationen, entsteht ein Fragmentierungseffekt. Das Ergebnis daraus sind Isolationsrisiken, Inzuchtdepression innerhalb der Populationen, vergrößerte Sterberaten durch Verkehr und schließlich ein Rückgang der genetischen Vielfalt. Das führt nicht nur zu individuellen Schicksalen, sondern auch zu einer Abnahme der Resilienz ganzer Populationen gegenüber Klima- und Umweltveränderungen.
Die wissenschaftliche Erkenntnis ist eindeutig: Wildquerungshilfen reduzieren Verkehrsunfälle, ermöglichen langfristig stabile Populationsnetze und fördern die genetische Durchmischung zwischen Arealen. Für die Wildkatze bedeutet das konkret bessere Chancen, etablierte Reviere zu nutzen und damit eine nachhaltige Populationsdynamik zu sichern. Das Rotwild profitiert durch verbesserte Wanderkorridore, saisonale Bewegungen und Lebensraumbalance – entscheidend insbesondere in einer Landschaft, die durch das stetig wachsende Verkehrswegenetz und die Elektrifizierung immer enger geschnürt wird. Letztlich wirkt sich diese Vernetzung positiv auf die Gesamtbiodiversität aus: Höhere Biodiversität stabilisiert Ökosystemfunktionen wie Bestäubung, Schädlingsregulierung, Bodenstruktur und Kohlenstoffspeicherung. Eine robuste Artenvielfalt macht Wälder widerstandsfähiger gegen Störungen und erhöht die Qualität der Lebensräume für Mensch und Tier gleichermaßen.
Das Präsidium der Landesjägerschaft Niedersachsen hat den Anspruch, Nutz- und Schutzinteressen in Einklang zu bringen. In zahlreichen Dialogformaten und Praxisprojekten haben wir gezeigt, wie realistische Lösungswege in enger Zusammenarbeit zwischen Behörden, Landwirtschaft, Naturschutz und Jagd funktionieren können. Schlussendlich braucht es eine multisektorale Herangehensweise: Naturschutz, Forst- und Landwirtschaftsbehörden, Straßenbau, Kommunen und Jagd müssen Hand in Hand arbeiten. Wildquerungshilfen funktionieren wie Bausteine eines Netzwerks: Einzelprojekte sind wichtig, doch erst zusammengefügt zu einem durchgängigen Gesamtkonzept können wir die Populationen unseres heimischen Wildes nachhaltig für unsere nachfolgenden Generationen schützen.
Waidmannsheil,
Wulf-Heiner Kummetz
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