Gehörnte Ricke

Gehörnte Ricke

In meiner langjährigen Tätigkeit als Jagdaufseher der Stadt Osnabrück habe ich die verschiedensten Aufträge, meistens von der Polizei erhalten, um Maßnahmen zur Wild-rettung in den befriedeten Bezirken im Stadtgebiet vorzunehmen.  

Vor einigen Wochen informierten mich mehrere Bewohner der Innenstadt, weil sie in ihrem Garten ein Reh gesehen haben, das sich auf den Rasen gelegt hat und offenbar krank ist.  Auffällig sei eine sehr große Wucherung am Kopf.

Als ich dort erschien, hatte sich die Ricke unter einen Busch an die Hauswand gelegt. Ich konnte mich bis auf wenige Schritte dem kranken Reh nähern. Auf die  Fluchtdistanz reagierte das Tier nicht mehr.

Mir bot sich ein überraschendes Bild.  Auf dem Kopf der kranken Ricke befand sich ein gehörnähnliches Gebilde. Das Reh war so entkräftet, dass es nicht mehr aufstehen konnte.  Aus Tierschutzgründen musste es von seinen Leiden erlöst werden.

Es handelte sich bei der Wucherung um ein ständig weiterwachsendes Knorpelgewebe auf zwei Stirnauswüchsen. Diese Abnormität wird auch Perücke oder Bischofsmütze genannt. Die stark durchbluteten Knorpelanteile sind anfällig gegenüber bakteriellen Infektionen und Fliegenmaden. Durch den Druck  auf die Knochenhaut kommt es zum Absterben von Zellen und dem Abbau von Knochenanteilen. Nach zwei bis drei Jahren verenden diese betroffenen Rehe.

Bei dem Tier handelte es sich um eine ältere Ricke. Eindeutige weibliche Geschlechts-merkmale waren feststellbar. Die Ricke war nicht trächtig und musste auch keine Kitze versorgen.

Schmeißfliegen hatten durch Eiablagerungen für reichlich Madenbefall im Knorpelgewebe gesorgt, so dass eine Präparation nicht mehr möglich war. 

Ohne Knorpel- bzw. Bastgewebe sind die ungewöhnlichen Stirnauswüchse sehr gut zu erkennen.

Reinhold Rethschulte