Wildunfall im Revier
Mit der Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst steigt die Zahl der Wildunfälle wieder an. Der Grund liegt in der veränderten Tageslichtverteilung: Der Berufsverkehr fällt plötzlich wieder in die Dämmerungszeiten – genau dann, wenn Reh-, Dam- und Schwarzwild besonders aktiv sind. Diese Überschneidung sorgt jedes Jahr für ein erhöhtes Risiko auf den Straßen. Für Jäger bedeutet diese Phase nicht nur mehr Aufmerksamkeit im Revier, sondern auch eine klare Wahrnehmung ihrer gesetzlichen Aufgaben. Gleichzeitig sind Verkehrsteilnehmer gefordert, umsichtig und korrekt zu handeln, wenn es zu einer Kollision mit Wild kommt.
In Niedersachsen werden jährlich zehntausende Wildunfälle registriert, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte.
Für den Jäger beginnt mit der Meldung des Wildunfalls ein klar geregelter Ablauf. Er ist verpflichtet, den Unfallort zeitnah aufzusuchen. Vor Ort verschafft er sich einen Überblick über die Situation. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt: Häufig sind die Unfallfahrer erstmalig in einen Verkehrsunfall verwickelt und sind gestresst oder in Panik. Dabei geht es meistens gar nicht um sie selbst oder das kaputte Fahrzeug. Vielmehr sorgen sich die Verunfallten um das tote oder noch lebende Wild am Straßenrand. Daher ist es empfehlenswert, sich vor dem Versorgen des Wildes um den Verkehrsteilnehmer zu kümmern. Beruhigendes Reden kann die ersten Sorgen nehmen. Da die Autofahrer, die in einen Unfall verwickelt sind, häufig auch keine Ahnung davon haben, wie sie sich an der Unfallstelle zu verhalten haben, gilt auch hier: Erste Bürgerpflicht: Ruhe bewahren, Unfallstelle absichern und alle Unfallteilnehmer in Sicherheit bringen. Erst dann wird sich tierschutzgerecht um das verunglückte Wild gekümmert. Liegt es verendet am Platz, wird es geborgen und aus dem Verkehrsraum entfernt. Handelt es sich um ein verletztes, flüchtiges Stück, muss eine Nachsuche eingeleitet und das kranke Stück erlöst werden.
Die Nachsuche ist eine der wichtigsten und zugleich verantwortungsvollsten Aufgaben im Jagdwesen. Mit speziell ausgebildeten Hunden folgt der Jäger der Fährte des verletzten Tieres, um es schnellstmöglich zu finden und von seinem Leiden zu erlösen. Diese Pflicht ergibt sich nicht nur aus dem Tierschutzgedanken, sondern ist auch gesetzlich verankert. Eine unterlassene Nachsuche stellt einen Verstoß gegen die Waidgerechtigkeit dar.
Die ungünstigste Situation besteht, wenn das Stück am Unfallort liegt, aber noch nicht verendet ist. In solchen Fällen ist ein besonders sensibles und umsichtiges Vorgehen erforderlich. Idealerweise befinden sich Unfallbeteiligte und Helfer nicht in unmittelbarer Nähe, wenn das Tier erlöst wird, da dieser Moment für Außenstehende belastend und mitunter verstörend sein kann. Die Sicherheit aller Beteiligten hat dabei stets oberste Priorität. Je nach örtlichen Gegebenheiten ist sorgfältig abzuwägen, welche Form des Eingreifens angemessen ist. Häufig erweist sich das tierschutzgerechte Abfangen mit der kalten Waffe als die praktikablere und sicherere Lösung. Liegt das Stück auf dem Straßenbelag, ist es in der Regel die einzig zulässige.
Darüber hinaus dokumentiert der Jäger den Vorfall und stellt – sofern erforderlich – eine Wildunfallbescheinigung aus. Diese wird von der Versicherung des Fahrzeughalters benötigt, um Schäden am Fahrzeug regulieren zu können. Die Zusammenarbeit mit der Polizei kann dabei ein wesentlicher Bestandteil sein, um den Unfall korrekt aufzunehmen und mögliche Gefahrenstellen zu identifizieren.
Auch präventiv kommt den Jägern eine wichtige Rolle zu. Durch Beobachtung der Wildbewegungen und gegebenenfalls durch Maßnahmen wie das Anbringen von Wildwarnreflektoren oder die Abstimmung mit Behörden können Gefahren reduziert werden. Dennoch bleibt der wichtigste Faktor der Mensch am Steuer.
Vorausschauendes Fahren, angepasste Geschwindigkeit und erhöhte Aufmerksamkeit bei Wildwechsel-Schildern sind gerade in der Dämmerung unerlässlich. Wer ein Tier am Straßenrand sieht, sollte stets damit rechnen, dass weitere folgen. Fernlicht kann helfen, den Straßenrand besser einzusehen – muss aber rechtzeitig abgeblendet werden, um den Gegenverkehr nicht zu gefährden.
Die Zeitumstellung ist somit weit mehr als ein Eingriff in den Tagesrhythmus. Sie markiert jedes Jahr eine Phase erhöhter Unfallgefahr, die Umsicht und Verantwortungsbewusstsein von allen Beteiligten erfordert. Nur durch das richtige Zusammenspiel von Verkehrsteilnehmern, Polizei und Jägerschaft lassen sich die Folgen von Wildunfällen minimieren – zum Schutz von Mensch und Tier gleichermaßen.
Wulf-Heiner Kummetz