Politische Spitze
Die Doppelmoral hat wieder zugeschlagen
Am 27. März 2026 hat der Deutsche Bundestag beschlossen, dass der Wolf im Jagdrecht steht und in Zukunft unter bestimmten Voraussetzungen bejagt werden kann. Eine Entscheidung, die vor allen Dingen für die Menschen aus dem ländlichen Raum richtig und wichtig ist. Kein anderes Wildtier hat in den vergangenen zehn Jahren mehr polarisiert als Isegrim. Und während sich die Bevölkerung zwischen Stade, Harz und der holländischen Grenze darüber freut, dass die Politik endlich lösungsorientiert handelt, passiert Ende März, quasi zeitgleich mit dem Bundestagsbeschluss, das wo vor dem die Fachleute seit Jahren gewarnt haben: Ein junger Wolf verirrt sich in den Wirren der Großstadt Hamburg und hält dort über Tage die Bevölkerung in Atem. Anstatt den Wolf zu „entnehmen“, wurde zum Schutz der Bevölkerung entschieden, das Tier weiter zu beobachten. In der Hoffnung, der Grauhund findet den Weg zurück in die Natur. Der Widerspruch wurde damit erklärt, dass es zu gefährlich gewesen sei, mit Waffen in der Stadt auf ein Wildtier zu schießen. Genau das, was Stadtjäger täglich im Umgang mit verletzten Rehen oder Waschbären leisten, war für einen Wolf offenbar nicht denkbar.
Hamburgs zuständige Umweltsenatorin sprach von einem Abwägen, ein unter Naturschutz stehendes Wildtier in der Stadt zu töten. Das Ende vom Lied: Der junge Wolf verirrte sich in ein Ladenlokal, eine besorgte Passantin wollte ihn wieder hinausgeleiten, dabei hat sich das Wildtier instinktiv gewehrt und die Dame im Gesicht verletzt. Die Dinge, die danach folgten, gleichen einem Aprilscherz: Zunächst wurde der Wolf fachmännisch aus der kalten Binnenalster gerettet, dann in eine Wildtierstation verbracht, dort versorgt, besendert und während der Ostertage wieder ausgewildert. In Onlineforen wurde wild darüber diskutiert, ob und warum der arme Wolf wirklich die Frau verletzt hat – am Ende sei es ihre Schuld gewesen. Die Bürgerinitiativen zur Rettung des Wolfes feiern, die Stadt Hamburg ist ihr Problem los. Vorerst. Denn wer will die politische Verantwortung übernehmen, wenn der augenscheinlich verhaltensauffällige Wolf sich wieder auf den Weg zu den Menschen macht? Die benachbarten Behörden anderer Länder wurden über die Auswilderung nicht informiert. Wozu auch? Nun gibt es eine behördliche Überwachung eines auffällig gewordenen Wolfes, aus dem verrückterweise ein Hamburger Naturschutzgeheimnis gemacht wird. Viel „wilder“ ist allerdings die Tatsache, dass der Wolf dem Jagdgesetz unterliegt und grundsätzlich Sache der Jagdbehörden ist. Diese haben das Tier aber weder besendert, noch ist ihnen der Aufenthaltsort bekannt.
Man kann sich an dieser Stelle zurecht die Frage stellen, wo wir eigentlich angekommen sind. Behörden können augenscheinlich machen, was sie wollen, Gesetze werden mitunter so ausgelegt, wie es gerade passt, Städter haben in Sachen „Wolfsschutz“ eine deutlich bessere Lobby als die tatsächlich Betroffenen auf dem Land.
Es bleibt in dem Kontext spannend, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt. Klar ist: Klientel-Politik hat einen höheren Stellenwert als jegliche auf Wissenschaft basierende Kenntnisse. Solange wir Jägerinnen und Jäger gut genug dafür sind, den Bürgerinnen und Bürgern Waschbären oder Marder aus den Häusern zu entfernen oder verletztes Unfallwild zu erlösen, ist die Welt in Ordnung. Dass das Leben eines Wolfes mehr wert ist, als das eines Waschbären, ist schwer nachvollziehbar und unterstreicht die Doppelmoral derer, die zu Ostern gerne „Bio-Lamm“ essen, aber für das Leben eines Stadt-Wolfes auf die Straße gehen.
In diesem Sinne,
Waidmannsheil
Wulf-Heiner Kummetz