Ansitzabend


Der warme Sonnenschein und der kühle
stetige Ostwind ließ heute Nachmittag eine
Idee i n meinem Kopf wachsen.
Es wäre doch ein idealer Abend, um auf einen
Frühlingsansitz zu gehen.
Mir war auch sofort klar, welchen Hochsitz
ich abends ansteuern würde.
Direkt nach dem Versorgen der Tiere und
einem kurzen Abendbrot mit meiner Frau,
ging es los.
Mit geschulterter Büchse strebte ich dem
Wald zu und über stille Graswege, ständig
den Wind prüfend, gelangte ich an mein Ziel.
"DAS WILD HAT TODESANGST VOR EUCH
JÄGERN".
So lautet ein Spruch, den ich immer wieder
höre.
Doch wenn das so sein sollte, habe ich al s
Jäger viel falsch gemacht.
Ja, es bedarf viel Mühe und Erfahrung, vom
Wild unbemerkt a n den Ansitzplatz gelangen.
Doch genau dieses ist sehr wichtig u m
überhaupt Anblick, geschweige Jagderfolg zu
haben.
Im Idealfall bemerkt z.B. ein Reh gar nicht,
das ich in der Nähe bin und mich später
wieder unerkannt entferne.
SEHEN, ABER NICHT GESEHN ZU WERDEN.
EINE DER HOHEN KÜNSTE HIER AUF ERDEN.
Wenn ich dann mein Ziel erreicht habe, kann
ich e s mir vorsichtig bequem machen und
dem Abendkonzert der Waldvögel lauschen.
Jedes Jahr i m Frühjahr erklingt es wieder i n
atemberaubender Vielfalt. Welch ein Kontrast
z u den stillen Winterabenden im Forst..
Die Augen geschlossen und die Ohren voll auf
Empfang. Entspannung pur.
Plötzlich schlägt das Jägerradar an. Meine
Ohren haben raschelnde Laute
wahrgenommen. Ca. 100 Schritte entfernt,
hinter dem Bachlauf im Nachbarrevier
bearbeitet ein junger Bock eine kleine Buche.
Er fegt. Halb durch große Bäume verdeckt,
kann ich durch das Fernglas beobachten, wie
e r sein Gehörn wütend in die Äste schlägt.
Der Waldboden und Laub fliegt i m hohen
Bogen umher.

Norbert Oberniehaus