1. Wildtierforum Niedersachsen der Landesjägerschaft
„Rotwild – Situation, Chancen und Herausforderungen“
Am 18. April veranstaltete die Landesjägerschaft ihr 1. Wildtierforum Niedersachsen in Hannover – die Resonanz war hervorragend: Über 150 Gäste aus Jagd, Forst, Wissenschaft und Naturschutz kamen im Karriere Campus in Hannover-Lahe zusammen, um über die aktuellen Herausforderungen beim Rotwild zu diskutieren. Parallel nutzten zahlreiche Interessierte die Möglichkeit, die Veranstaltung im Livestream zu verfolgen. Das Wildtierforum Niedersachsen fand in diesem Jahr erstmalig statt und soll zukünftig regelmäßig zu ausgesuchten wildbiologischen oder wildökologischen Fachthemen wiederkehren. Der Stellvertretende LJN-Präsident Ernst-Dieter Meinecke zeigte sich in seiner Begrüßung hoch erfreut über die große Resonanz auf dieses neue Veranstaltungsformat: „Mit unserer Themenwahl haben wir ganz offensichtlich den richtigen Nerv getroffen. Das freut uns sehr, denn das hat diese faszinierende Wildart verdient“, so Meinecke. Ausdrücklich dankte er in diesem Zusammenhang der Staatsekretärin im Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Frauke Patzke, für die Unterstützung ihres Hauses bei diesem wichtigen Thema – nicht zuletzt wurde auch die Veranstaltung selbst mit Mitteln aus der Jagdabgabe gefördert.
Wildtierforum durch Jagdabgabemittel gefördert
In ihrem Grußwort lobte Staatssekretärin Patzke das große Engagement u.a. der Jägerinnen und Jäger in Niedersachsen für die heimischen Wildtiere, deren Lebensräume und den damit verbundenen Nutzungskonflikten – nicht nur aber eben auch in Sachen Rotwild. Diese Wildart verdiene angesichts der vielen Herausforderungen auch vor dem Hintergrund eines komplexen Wildtiermanagements besondere Aufmerksamkeit – die Veranstaltung der Landesjägerschaft sei dazu ein sehr wichtiger Beitrag. Nach einem einführenden Impulsvortrag von LJN-Wildbiologin Reinhild Gräber über den Status Quo der Rotwildvorkommen in Niedersachsen, von der Entwicklung der historischen Rotwildverbreitung bis zum aktuellen Verbreitungsgebiet, den Entwicklungen der Jagdstrecken und den Herausforderungen durch Zerschneidung, beispielsweise durch bestehende aber auch geplante Verkehrstrassen.
Am Vormittag stand das Thema Genetik im Mittelpunkt: Prof. Dr. Dr. Gerald Reiner (Justus-Liebig Universität Gießen) und Prof Dr. Niko Balkenhol (Georg-August Universität Göttingen) skizzierten in ihren Vorträgen die grundsätzliche Situation des Rotwildes unter anthropogenen Einflüssen. Folgen der genetischen Isolation und die reduzierte Variabilität wurden ebenso wie deutschlandweite Effekte der Landschaftszerschneidung und die Geschwindigkeit dieses Diversitätsverlustes thematisiert. Inwieweit sich diese Entwicklung auch schon für Niedersachsen zeigt, ist Gegenstand eines im Juni 2025 gestarteten gemeinsamen Forschungsprojektes der beiden Universitäten, in Kooperation mit der Landesjägerschaft Niedersachsen und dem ITAW, TiHo Hannover.
Proben können nach wie vor abgegeben werden
Prof. Dr. Gerald Reiner arbeitete in seinem Vortrag intensiv die missliche Situation heraus, die durch die Zerschneidung der Lebensräume durch Straßen, Autobahnen, Großflächen PV-Anlagen und Windkraftanlagen, mit der das Rotwild in Zukunft klar kommen muss. „ Rotwild ist in Deutschland häufig und weit verbreitet. Heute weiß man jedoch, dass diese Kriterien allein nicht ausreichen, um Populationen langfristig zu sichern – insbesondere dann nicht, wenn sie voneinander isoliert sind. Kleine, isolierte Populationen verlieren zwangsläufig genetische Vielfalt. Der Verlust von Genvarianten ist dabei vergleichbar mit dem Fehlen des passenden Werkzeugs, um den genetischen Bauplan umzusetzen – ein Problem, das sich unter den Bedingungen des Klimawandels weiter verschärft.“
Das sah auch Prof. Dr. Niko Balkenhol nicht anders. „Der genetische Austausch zwischen Rotwildvorkommen in Deutschland ist vielerorts zu gering, um genetischer Verarmung entgegen zu wirken. Die Vorkommen sind oftmals stark voneinander isoliert, dies liegt vor allem an Straßen, Siedlungen und rotwildfreien Gebieten. Je stärker isoliert die Vorkommen sind, desto geringer ist die genetische Vielfalt, und desto höher sind die Inzuchtwerte in den Vorkommen. In stark isolierten Gebieten schreitet der Verlust genetischer Vielfalt außerdem rapide schnell voran, sodass ein „weiter so“ aus Sicht des Artenschutzes keine Option ist.“
Ein weiter so ist keine Option
Am Nachmittag standen dann praktische Maßnahmen zum Erhalt eben jener genetischen Variabilität im Vordergrund: Dr. Florian Kunz von der Universität für Bodenkultur in Wien (digital zugeschaltet) und Marcus Meissner von der Stiftung Naturschutz in Schleswig-Holstein fokussierten zum einen die Bedeutung der Wildökologischen Raumplanung für das Rotwild: Geeignete Korridore und Trittsteine müssten entwickelt und vor allem auch planerisch gesichert werden dazu gehörten Querungshilfen, die in langfristig für Rotwild nutzbare Korridore eingebettet sind. „ Die Herausforderungen in der heutigen Kulturlandschaft sind divers, von der Erzeugung von Lebensmitteln, Rohstoffen und Energie bis hin zur Nutzung für Naturerfahrung und Erholung. Die Wildökologische Raumplanung ist dabei ein Konzept, um in einer solchen intensiv genutzten Landschaft auch Wildtieren das Überleben zu ermöglichen. Die Wildtierökologische Raumplanung ist ein gemeinschaftliches Planungsinstrument mit dem Ziel, Wildtiere in die vom Menschen intensiv genutzte Landschaft zu integrieren“, so Dr. Kunz.
Die Wildtierökologische Raumplanung ist ein Konzept, welches in Österreich entwickelt wurde und seitdem in bislang vier österreichischen Bundesländern, zwei Nationalparks, Lichtenstein und dem Rätikon existiert.
„Tote Hirsche wandern nicht“, Marcus Meißner
Marcus Meißner von der Stiftung Naturschutz in Schleswig Holstein brachte es in seinem Fachvortrag auf den Punkt: „Tote Hirsche wandern nicht“, so der Biologe. „Die Situationsanalyse ist der erste Schritt, die wesentliche Herausforderung ist die Wiedervernetzung der Rotwildlebensräume. Dafür braucht es eine Vielzahl von Maßnahmen auf unterschiedlichen Ebenen. Schleswig-Holstein bildet aktuell das gesamte Konfliktfeld ab.“ Am Beispiel des nördlichsten Bundeslandes erläuterte Meißner, vor welchen Herausforderungen man dort steht und was in Zukunft auch auf andere Bundesländer zukommen könnte.
Natürlich durfte auch die jagdpraktische Perspektive nicht fehlen: Peter Pabel, bis zu diesem Frühjahr Leiter des Hochwildringes Göhrde – mit etwa 300 Revieren einem der größten in Niedersachsen – verdeutlichte die Bedeutung von Hegegemeinschaften für die Bewirtschaftung dieser weitziehenden Art Rotwild. Was kann ein einzelnes Revier leisten – und was nicht. Reinhild Gräber fasste am Schluss die Erkenntnisse des Tages zusammen. „Klar ist: wir brauchen genetische Forschung, wie sie derzeit auch in Niedersachsen zum Rotwild läuft. Klar ist aber auch, wir brauchen konkrete Maßnahmen und wir brauchen sie jetzt!“ Wanderkorridore und Querungshilfen seien dabei ein zentraler Baustein. Die derzeit bestehenden für Rotwild geeigneten Querungshilfen an der A7 (in den Bereichen Seesen und Northeim) sowie die geplanten mehr als 15 Bauwerke beim Ausbau der A39 seien wichtig und richtig, reichten aber noch nicht aus. Die Veranstaltung habe deutlich aufgezeigt, wo in Niedersachsen weiterer Handlungsbedarf bestehe. Sinnvoll erscheinen zum Beispiel Bereiche an der A7 zwischen Hannover und Hamburg, sowie an der A2 westlich von Hannover um die Rotwildvorkommen bei Bückeburg und dem Deister zu vernetzen. Zudem gelte es bei menschlichen Eingriffen in den Lebensraum des Rotwildes in Zukunft noch viel stärker Aspekte der Wildökologischen Raumplanung zu berücksichtigen und hierbei insbesondere die Bedürfnisse der Wildtiere. Wildökologische Raumplanung könne als Planungs- und Steuerungsinstrument beispielsweise in Landschaftsrahmenplänen implementiert werden.
Beim Resümee der Veranstaltung wurde Meinecke deutlich: „Deutlich ist u.a. die Bedeutung der Hegegemeinschaften geworden- eine Bejagung des Rotwildes ist nur im Verbund von Revieren sinnvoll. Bereits in der Stellungnahme zur Novellierung des nds. Jagdgesetztes hat die Landesjägerschaft sich ganz klar für eine Bejagung im Rahmen von Abschussplänen stark gemacht! Geplante und neuangedachte Querungshilfen sind von größter Bedeutung, alte Wechsel würden auch nach über 30 Jahren vom Rotwild wieder aufgenommen werden. Man denke nur an die innerdeutsche Grenze, dort hat das Rotwild längst wieder die alten Wechsel aufgenommen „Die heutige Veranstaltung hätte eine Pflichtveranstaltung für alle Hochwildhegegemeinschaften sein können! Die Landesjägerschaft wird die heute angesprochenen Punkte weiter mit Nachdruck in die politische Diskussion einbringen, denn die Zukunft des Rotwildes entscheidet sich jetzt“, so Meinecke abschließend.
LJN