Ab durch die MittePolitische Spitze

„Man kann nicht nicht kommunizieren“. Paul Watzlawick hat diesen Satz geprägt. Inzwischen könnte man ihn politisch umformulieren: „Man kann nicht nicht mitreden“. Sachsen-Anhalt, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern – drei Landtagswahlen in wenigen Wochen, drei unterschiedliche Länder, drei politische Ausgangslagen. Und doch erzählen alle drei Wahlen eine ähnliche Geschichte: Die Wahlbeteiligung ist deutlich gestiegen, es wurden ausgesprochen viele Wählerinnen und Wähler mobilisiert.

Vielen sollte klar sein, dass es sich bei diesen Zahlen längst nicht mehr nur um Stammwähler handeln kann. Vielmehr wurden Menschen an die Wahlurne gebracht, die über viele Jahre die Gruppe der „Nichtwähler“ darstellte. Dazu kommen viele junge Erstwähler. In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern durften erstmals 16-Jährige an der Wahl zum Landesparlament teilnehmen. Warum es in den Ländern eine so hohe Wahlbeteilung gab, darüber kann nur spekuliert werden. Was allerdings klar sein muss: Die Motivation dazu wird nicht „Zufriedenheit“ gewesen sein.

Gut möglich, dass wir genau deshalb nicht einfach einen politischen Wandel erleben, sondern eine Auflösung dessen, was man jahrzehntelang als die gesellschaftliche Mitte wahrgenommen wurde. Dabei scheint die Mitte nicht zu verschwinden. Vielmehr wird sie beweglicher und vielleicht unverbindlicher. Durch das Wechseln der Positionen werden

politische Bindungen der Menschen lockerer, alte Gewissheiten brüchiger. Was früher selbstverständlich war, muss heute erklärt werden. Was gestern noch Konsens war, ist heute Diskussionsstoff.

Ab durch die Mitte. Das mag nach Aufbruch klingen. Vielleicht ist es aber auch eine ziemlich nüchterne Beschreibung dessen, was gerade passiert und warum das so ist.

Und damit sind wir bei der Jagd. Als Spiegelbild der Gesellschaft bewegt sich auch unsere Mitte. Nach wie vor erleben wir einen Aufwärtstrend in den Mitgliederzahlen. Die Jagd wird jünger, urbaner, digitaler und auch weiblicher. Viele unserer neuen Mitglieder sind jagdlich unbeleckt. Sie bringen andere Lebenswelten mit, andere Fragen – und durchaus andere Vorstellungen von und Sichtweisen auf die Jagd.

Das ist weder gut noch schlecht; vielmehr ist es der Wandel unserer immer schnelllebigeren Zeit. „Man kann nicht nicht kommunizieren“ – das gilt auch in diesem Fall. Dabei nimmt das Thema Ethik eine besondere Rolle ein. Wenn es mitunter den „alten Hasen“ mal nicht gelingt den „jungen Wilden“ das traditionelle Handwerk nicht verständlich näherzubringen, liegt es nicht selten  an der Kommunikation, die scheitet. Es liegt dann nicht am mangelnden Interesse der anderen, sondern vielmehr am Umgang miteinander.

Genau deshalb ist die neue politische Beweglichkeit auch für uns ein Thema. Nicht, weil unsere Zunft politischer werden muss, sondern weil wir alle Bürger sind. Und weil über unsere Passion längst gesprochen wird – über Wild, Wald, Waffen, Landwirtschaft, Naturschutz und die Frage, was Jagd leisten kann und soll.

Die neue Generation will mitreden und verstehen, das gilt auch für die neuen Jäger. Das muss gar kein Problem darstellen. Vielleicht ist es eine Chance.

Denn eine Jagd, die ihre Argumente kennt, ihre Arbeit erklären kann und den Dialog nicht scheut, muss vor einer beweglichen Gesellschaft keine Angst haben. Das gilt sowohl für uns, als auch für die Politik. 

Wulf-Heiner Kummetz