Der vielfältige Einsatz der Rettungsdecke stand genauso auf dem Programm wie die Wundtamponade oder die Anwendung einer Emergency Bandage

Wenn im Wald jede Minute zählt – Jägerschaft Seesen trainiert Erste Hilfe bei Jagdunfällen mit Notfallmediziner Dr. Nicolai Wiegand

Ein Sturz vom Hochsitz, eine Schnittverletzung bei Revierarbeiten oder plötzlich ein Herzinfarkt mitten im Wald: Notfälle bei der Jagd sind selten, können aber dramatische Folgen haben. Anders als im städtischen Umfeld liegen Einsatzorte oft weit entfernt von befestigten Straßen, Mobilfunkempfang ist nicht immer gewährleistet und der Rettungsdienst benötigt unter Umständen wertvolle zusätzliche Minuten. Genau dann entscheidet das Handeln der Anwesenden über den weiteren Verlauf.

Mit dem Praxisseminar „Erste Hilfe bei Jagdunfällen“ setzte die Jägerschaft Seesen deshalb einen besonderen Schwerpunkt auf die Sicherheit und Notfallvorsorge im Revier. Als Referent konnte Dr. Nicolai Wiegand aus Lehre bei Helmstedt gewonnen werden, der auf mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung in der Notfallmedizin zurückblickt. Der Facharzt für Anästhesiologie und langjährige Leitende Notarzt vermittelte den 16 Teilnehmenden nicht nur theoretisches Wissen, sondern vor allem konkrete Handlungssicherheit für den Ernstfall.

Schon zu Beginn machte Dr. Wiegand deutlich, dass die Risiken im jagdlichen Alltag vielfältiger sind, als viele vermuten. Neben Verletzungen durch Stich- und Schusswaffen gehören auch Stürze aus großer Höhe, Unfälle bei Revierarbeiten, Angriffe von Tieren sowie akute Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krampfanfälle zu den möglichen Einsatzszenarien. Hinzu kommen Vergiftungen durch Insektenstiche oder Pflanzen sowie Gefahren durch Hitze, Kälte, Gewitter und andere extreme Wetterlagen.

Im Mittelpunkt des Seminars stand die Frage: „Was kann ich unmittelbar nach einem Unfall tun, um Leben zu retten?“ Einen besonderen Schwerpunkt bildete dabei die Versorgung lebensbedrohlicher Blutungen. Die Teilnehmenden übten praktisch den Einsatz moderner Notfallmaßnahmen wie Woundpacking (Wundtamponade), Emergency Bandage und Tourniquet. Gerade bei schweren Verletzungen können diese Techniken entscheidend sein, um den Blutverlust zu stoppen und die Zeit bis zum Eintreffen professioneller Hilfe zu überbrücken.

Dass Erste Hilfe weit mehr bedeutet als einen Notruf abzusetzen, zeigte sich auch bei weiteren Übungseinheiten. Behandelt wurden die Selbstversorgung in Notlagen, die Schienung von Frakturen, die Rettung verletzter Personen aus unwegsamem Gelände sowie die sinnvolle Zusammenstellung eines jagdlichen Notfallsets. Ebenso wichtig seien laut Dr. Wiegand eine gute Vorbereitung, körperliche Fitness, geeignete Kleidung, sichere Kommunikation im Revier und die Kenntnis von Rettungswegen und Standortdaten.

Besonders wertvoll war für die Teilnehmenden die Möglichkeit, sämtliche Hilfsmittel selbst auszuprobieren. Dabei wurde schnell deutlich, dass der bloße Besitz eines Erste-Hilfe-Pakets noch keine Sicherheit bietet. Erst regelmäßiges Training schafft die notwendige Routine, um im Ernstfall ruhig und zielgerichtet handeln zu können.

Für die Jägerschaft Seesen war die Veranstaltung daher weit mehr als ein klassischer Erste-Hilfe-Kurs. Sie versteht solche Schulungen als wichtigen Bestandteil einer verantwortungsvollen Jagdausübung.

„Sicherheit endet nicht mit dem sicheren Umgang mit der Waffe“, betonte der Vorsitzende der Jägerschaft, Michael Schwertfeger. „Genauso wichtig ist die Fähigkeit, in einer Ausnahmesituation Ruhe zu bewahren, die Lage richtig einzuschätzen und mit den vorhandenen Mitteln wirksame Erste Hilfe zu leisten. Im Ernstfall kann dieses Wissen Leben retten.“

Mit großem Interesse und reger Beteiligung endete das Seminar. Die Resonanz der Teilnehmenden zeigte deutlich: Wer Verantwortung im Revier übernimmt, sollte nicht nur auf den Jagderfolg vorbereitet sein, sondern auch auf den Moment, in dem Hilfe dringend gebraucht wird.

Sandra Raupers-Greune