Wo die „Wiese lebt“ und der „Steenuul“ wieder ruft: Ostfrieslands Jägerinnen und Jäger als Motoren des Artenschutzes – Ein Bericht der Jägerschaft Aurich e. V. über ein Jahrhundertprojekt aus Herzblut und Verbundenheit.
Wer in der späten ostfriesischen Dämmerung durch die weite Wallheckenlandschaft des Landkreises Aurich streift, dem fällt seit einiger Zeit ein fast vergessenes Tonsignal auf: Ein markantes, lautes „Kju-kju“ klingt durch die Reviere. Es ist die Stimme des Steinkauzes (Athene noctua), plattdeutsch liebevoll „Steenuul“ genannt.
Seit dem Jahr 1979 galt die kleine, charakterstarke Eule mit dem strengen Blick in Ostfriesland als offiziell ausgestorben. Dass sie heute ein sensationelles Comeback feiert, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines beispiellosen Kraftaktes der Jägerschaft Aurich e. V.
Unter der Federführung des Vorsitzenden und Kreisjägermeisters Gernold Lengert sowie des engagierten Projektleiters Matthias Bergmann haben die ostfriesischen Jägerinnen und Jäger bewiesen, dass Jagd weit über das Erlegen von Wild hinausreicht: Sie ist praktizierter, tief verwurzelter Naturschutz.
Das Fundament: Über 13.000 Bäume gegen den Strukturverlust
Ein Vogel braucht ein Zuhause. Der Niedergang des Steinkauzes war eng mit dem Verschwinden seines Lebensraumes verknüpft: alte Obstgärten, Kopfweiden und strukturreiche Weideflächen. Genau hier setzten die Auricher Jäger bereits vor über einem Jahrzehnt an. Mit dem Projekt „Streuobstwiesen … Balsam für das Niederwild“ startete eine beispiellose Pflanzwelle.
• Fläche und Umfang: Über 200 Streuobstwiesen und Blühflächen wurden seither von den Hegeringen (unter anderem Riepe, Bagband, Middels, Sandhorst, Aurich-Oldendorf, Südbrookmerland und Ihlow) angelegt.
• Die grüne Bilanz: Mehr als 13.000 Obstbaum–Hochstämme alter Sorten von Apfel und Birne bis zu Pflaume und Kirsche – wurden von den Jägern eigenhändig in den ostfriesischen Boden gebracht.
• Auszeichnung der Superlative: Dieses generationenübergreifende Engagement fand bundesweit Anerkennung. Die Jägerschaft Aurich gewann mit diesem Projekt stolz den 1. Platz des DJV-Sonderpreises „Jäger pflanzen Vielfalt“.
Diese neu geschaffenen, über 160 Hektar umfassenden Biotope sind weit mehr als nur Kulisse. Sie dienen als Ruhezonen für das Niederwild, als Insektenparadiese und bilden das unverzichtbare Jagdrevier für den Steinkauz. Um die aufwendige Pflege dieser Flächen im Ehrenamt überhaupt noch bewältigen zu können, hat die Jägerschaft jüngst sogar einen Pflegeschlepper von der BINGO-Umweltstiftung gesponsert bekommen.
Das Steinkauz-Projekt: Ein Meilenstein im Artenschutz
Als die logistischen und landschaftlichen Grundlagen durch die Streuobstwiesen geschaffen waren, fiel der Startschuss für das eigentliche Wiederansiedlungsprogramm des Steinkauzes. Unterstützt von der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung und lokalen Sponsoren errichteten die Jäger ein Netz aus Auswilderungsvolieren und speziell entwickelten, mardersicheren Futter- und Nistkästen.
Mit Transportern holte das Projektteam behutsam Zuchtvögel – unter anderem aus Brandenburg – nach Ostfriesland. Was als ambitionierter Fünfjahresplan begann, hat die kühnsten Erwartungen bereits übertroffen:
• 80 Jungvögel und 50 Altvögel wurden von 2023 - 2025 ausgewildert.
• 30 Jungvögel aus Wildbruten wurden bis 2025 erfolgreich großgezogen.
Das Projekt zeigt eindrucksvoll Wirkung. Trotz Rückschlägen durch schneereiche Winter oder temporäre Mäuseknappheit etablieren sich die kleinen Eulen fest in den lokalen Wallheckenstrukturen.
Ehrenamt pur: 40 Stunden im Monat für die Natur
Hinter diesen nackten Zahlen verbirgt sich ein immenser persönlicher Einsatz. Die Jägerinnen und Jäger im Raum Aurich leisten im Schnitt rund 40 Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Monat ausschließlich für den Natur- und Umweltschutz. Ob das Ausheben von Pflanzlöchern im nasskalten ostfriesischen Winter, das wöchentliche Füttern und Kontrollieren der Volieren oder der Bau von Nisthilfen – der Einsatz geschieht komplett unentgeltlich und in der Freizeit.
Auch der jagdliche Nachwuchs wird direkt integriert: Regelmäßig besuchen Jungjägerkurse die Projektflächen von Matthias Bergmann, um direkt in der Praxis zu lernen, wie moderne Reviergestaltung und Biodiversität zusammenhängen.
Fazit und Ausblick
Das Steinkauz- und Streuobstwiesenprojekt der Jägerschaft Aurich e. V. ist ein leuchtendes Paradebeispiel für eine moderne Jägerschaft. Es räumt auf mit alten Vorurteilen und zeigt, dass Jäger die Lebensräume von morgen aktiv gestalten. Die Jägerinnen und Jäger im Raum Ostfriesland haben nicht nur der Natur ein Stück Vielfalt zurückgegeben, sondern dem „Vogel der Weisheit“ seine Heimat.
Die Arbeit geht weiter, die Flächen wachsen – und mit jedem „Kju-kju“ in der Nacht wissen die Auricher Waidmänner und -frauen, dass sich jede Stunde der ehrenamtlichen Tätigkeit gelohnt hat.
Katja Freimuth