Es dient im Grunde allen!

(v.l.) Markus Tipp und Maike Marschke vom Feldhuhnprojekt haben den Blattzeit-Redakteuren die unterschiedlichen Maßnahmen vor Ort vorgestellt – zu sehen im YouTube-Video

Gemeinsam mit der Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen wurde Ende 2025 das Projekt zur Förderung der Artenvielfalt und Biotopvernetzung in der Agrarlandschaft vorgestellt. Zentraler Bestandteil ist die Lebensraumverbesserung des Rebhuhns. .

Der Rebhuhnschutz beschäftigt die engagierten Jägerinnen und Jäger im Landkreis Uelzen schon lange: Bereits vor sieben Jahren setzte sich eine kleine Gruppe von fünf bis sechs Personen für den Schutz des Feldhuhns ein. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit das Feldhuhnprojekt der Jägerschaft Uelzen mit großer Beteiligung und mit einem Kerngebiet im Hegering Bienenbüttel und Hegering Bad Bevensen. Die ansässigen Jägerinnen und Jäger setzten sich intensiv mit Maßnahmen der Lebensraumverbesserung sowie dem Prädationsmanagement auseinander. Doch durch den Wandel der Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen fanden die neuen Maßnahmen bei den beteiligten Landwirten kaum noch Anwendung. Entscheidend für einen neuen Ansatz waren daher zahlreiche Gespräche und Ideen im Austausch mit anderen Naturschutzverbänden, der Unteren Naturschutzbehörde sowie zwischen Jägern und Landwirten. Eine Überlegung im Hinblick auf künftige Maßnahmen stand dabei im Mittelpunkt: Wenn, dann großflächig, langfristig und angepasst an die örtlichen Bedingungen.

Im Artenschutz hat sich erwiesen, dass das Motto „think big“ in den meisten Fällen der beste Ansatz ist! Das Projektgebiet umfasst daher eine Fläche von 12.000 Hektar, rund um Bad Bevensen und Bienenbüttel, davon etwa 8.600 Hektar Ackerland, 600 Hektar Grünland und 3.100 Hektar Wald. Für diese wurde nun ein umfangreicher Maßnahmenkatalog zur Biotopverbesserung entwickelt, der als einen Baustein das Ziel hat, den Selbsterhalt des Rebhuhns zu fördern.

Warum das Rebhuhn?

Das Rebhuhn (Perdix perdix) ist eine charakteristische Vogelart der offenen Agrarlandschaft. Noch bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es in Deutschland weit verbreitet. Inzwischen sind die Bestände jedoch massiv zurückgegangen. In Niedersachsen gilt das Rebhuhn sogar als stark gefährdet. Als wesentliche Ursachen gelten insbesondere der Verlust geeigneter Lebensräume, die Intensivierung der Landwirtschaft, das Verschwinden von Feld- und Ackerrandstrukturen sowie die zunehmende Fragmentierung geeigneter Offenlandlebensräume. Das Rebhuhn ist dabei nicht nur selbst eine besonders schützenswerte Art, sondern zugleich eine Leitart für die biologische Vielfalt der Agrarlandschaft. Maßnahmen, die dem Rebhuhn zugutekommen, schaffen auch bessere Lebensbedingungen für zahlreiche weitere Feld- und Offenlandarten, darunter Feldlerche, Kiebitz, Wachtel, Ortolan und Feldhase sowie für viele Insekten und andere bodennah lebende Organismen.

Feldhuhnprojekt und Stiftung ​Kulturlandpflege

Das übergeordnete Ziel besteht darin, die vorhandenen Rebhuhnbestände zu stabilisieren und langfristig wieder reproduktionsfähige Bestände aufzubauen. In bisher unbesiedelten als auch gering besiedelten Bereichen soll zudem eine Wieder- bzw. Neuansiedlung ermöglicht werden. Dabei bilden zwei bereits erprobte Projekte den Grundstein für die Idee. Zum einen das Feldhuhnprojekt der Jägerschaft Uelzen e.V., das seit 2023 Maßnahmen zur Lebenraumverbesserung, zum Prädationsmanagement und zur Auswilderung autochtoner Rebhühner durchführt sowie die Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen, die mit der Administration von Biodiversitätsmaßnahmen in Niedersachsen gemeinsam mit landwirtschaftlichen Betrieben über den Vertragsnaturschutz Erfahrung hat. Das Projektgebiet umfasst 12.000 Hektar, rund um Bad Bevensen und Bienenbüttel, davon etwa 8.600 Hektar Ackerland, 600 Hektar Grünland und 3.100 Hektar Wald.

Das Feldhuhn-Projekt verfolgt drei miteinander verbundene Säulen. Die Schaffung von Nahrungs-, Brut- und Deckungsstrukturen durch praxisgerechte Maßnahmen auf Ackerflächen und an deren Randbereichen. Weiterhin die Reduzierung des Prädationsdrucks, insbesondere durch ein großräumig koordiniertes Management von Fuchs, Waschbär, Marderhund, Dachs sowie Baum- und Steinmarder. Und zuletzt die Unterstützung der Wieder- und Neuansiedlung durch genetisch dokumentierte, an die regionalen Bedingungen angepasste Rebhühner. Die Auswilderung soll dabei ausdrücklich keine dauerhafte Ersatzmaßnahme sein, sondern den Aufbau sich selbst erhaltender Populationen unterstützen.

Zahlen, Daten, Fakten

Die Jägerschaft Uelzen führt seit 2023 standardisierte Bestandserfassungen durch. Für das Monitoring wurden 104 sogenannter Zähltransekte mit einer Gesamtlänge von rund 82 km eingerichtet. Die Erfassung ermöglicht, ähnlich wie beim Feldhasen, eine kontinuierliche Beobachtung der Bestandsentwicklung.

Zwischen 2023 und 2025 stieg die Zahl der Transekte, auf denen rufende Rebhuhnhähne nachgewiesen werden konnten, von 66 auf 71. Gleichzeitig verringerte sich die Zahl der Transekte ohne Nachweis. Die Ergebnisse stellen noch keinen Nachweis erfolgreicher Bruten dar, zeigen aber, dass sich die Verbreitung der Art im Untersuchungsraum verändert hat und die bisherigen Maßnahmen fachlich begleitet werden können. Auch das Prädationsmanagement wurde deutlich ausgeweitet. Mittlerweile sind 231 Fallen im Projektgebiet installiert. Die Zahl der registrierten Fänge stieg von 542 in der Saison 2021/22 auf 1.044 in der Saison 2024/25. Das entspricht einer Steigerung von rund 93 %.

Bei der Aufzucht der Rebhühner werden autochthone und genetisch dokumentierte Linien aus Volierenhaltung eingesetzt. Die Aufzuchtquote nach dem Schlupf lag 2023 und 2024 bei über 90 %.

Die Ergebnisse des Monitorings dienen hierbei nicht nur der Erfolgskontrolle, sondern auch der fortlaufenden Anpassung der Maßnahmen. Erfolgreiche Maßnahmen können verstärkt und weniger geeignete Ansätze entsprechend verändert werden. Die Erfahrungen sollen darüber hinaus dokumentiert und an weitere Akteure in der Region weitergegeben werden. Geplant sind außerdem Projekttage und Schulbesuche, um insbesondere Kindern und Jugendlichen die Bedeutung des Rebhuhns, der Agrarlandschaft und der biologischen Vielfalt näherzubringen. Die Maßnahmen wurden in erheblichem Umfang ehrenamtlich getragen.

Die Maßnahme "Hohe Ähre" mindert den Ernteschock. Zugleich verbleiben Teile des ausgefallenen Getreides auf der Fläche (Foto: Kapuhs/LJN)

Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft

Eine zentrale Voraussetzung für den Erfolg des Projektes ist die enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den landwirtschaftlichen Betrieben. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass klassische Förderprogramme nicht immer zu den örtlichen Produktionsbedingungen passen. Dies betrifft insbesondere den Landkreis Uelzen mit seinem hohen Anteil an Kartoffel- und Zuckerrübenanbau sowie dem Zwischenfruchtanbau, großen Bewirtschaftungseinheiten und der erforderlichen Feldberegnung.

Daher sollen keine theoretisch optimalen, aber praktisch kaum umsetzbaren Maßnahmen entwickelt werden. Stattdessen setzt das Projekt auf effiziente, kostengünstige und an die regionale Landwirtschaft angepasste Maßnahmen, die Biodiversität und landwirtschaftliche Produktion miteinander verbinden. Über den Vertragsnaturschutz erhalten die teilnehmenden Betriebe einen finanziellen Ausgleich für die Umsetzung und dauerhafte Einhaltung der vereinbarten Maßnahmen. Ergänzend sind Biodiversitätsberatung, fachliche Begleitung und gezielte Ansprache der Landwirtinnen und Landwirte vorgesehen. Die Maßnahmen werden gemeinsam mit den Bewirtschaftern ausgewählt und an die jeweiligen Standortbedingungen angepasst.

Aktive Blühstreifen sind sowohl Nahrungsquelle als auch Lebens- ​und Rückzugsraum für zahlreiche wildlebende Arten und dienen als künstlich geschaffene Ausgleichsflächen (Foto: Kapuhs/LJN)

Maßnahmen zur Lebensraumverbesserung

Das Team des Feldhuhnprojektes sieht einen klaren, modularen Maßnahmenkatalog vor, der eigens hierfür entwickelt wurde. Dadurch können unterschiedliche Flächen und betriebliche Situationen berücksichtigt werden:

• Ackerbrachen und Selbstbegrünung

Nach der Ernte bleiben geeignete Getreideflächen über einen längeren Zeitraum ungestört und können sich selbst begrünen. Dadurch entstehen strukturreiche Rückzugs-, Brut- und Nahrungsflächen.

Alternativ können mehrjährige Brachen durch gezielte Einsaat entwickelt werden. Die Kombination verschiedener Vegetationsstrukturen schafft insbesondere während der Brut- und Aufzuchtzeit geeignete Bedingungen und fördert gleichzeitig die Insektenvielfalt.

• Extensiver Getreideanbau

Durch größere Saatreihenabstände, eine blühende Untersaat und Einschränkungen bei Pflanzenschutz, Beregnung und Bewirtschaftung entstehen offene und strukturreiche Getreidebestände. Sie bieten Rebhühnern und anderen Feldvögeln während der Brutzeit Nahrung, Deckung und geeignete Bewegungsräume.

• „Hohe Ähre“ über den Winter

Beim Mähdrusch wird eine besonders hohe Stoppel stehen gelassen. Gleichzeitig verbleiben Teile des ausgefallenen Getreides auf der Fläche. Dadurch entstehen im Winter wichtige Deckungs- und Nahrungsstrukturen. Gerade in einer ansonsten ausgeräumten Agrarlandschaft stellen hohe Stoppeln wertvolle Rückzugsräume dar.

• Feldvogelinseln und Feldlerchenfenster

Kleine offene Bodenstellen innerhalb größerer Getreide- und Maisflächen schaffen zusätzliche Strukturen für typische Offenlandarten. Sie können als Lande-, Sonnen- und Brutplätze dienen und insbesondere Feldlerche und Kiebitz unterstützen.

• Drohnensaat von Zwischenfrüchten

Eine innovative Maßnahme ist die Aussaat von Zwischenfrüchten mit Drohnen in stehende Getreidebestände oder auf hohe Stoppeln. Damit kann bereits unmittelbar nach der Ernte eine Vegetationsdecke vorhanden sein. Der sogenannte „Ernteschock“, bei dem Rebhühner nach der Ernte plötzlich einen Großteil ihrer Deckung und Nahrung verlieren, soll dadurch reduziert werden.

• Temporäre Wasserstellen

Kleine Wasserlöcher und wasserhaltende Bodenstrukturen sollen als Trittsteinbiotope dienen. Sie können Insekten, Amphibien und Vögeln Lebensraum bieten und insbesondere in trockenen Sommerperioden zusätzliche ökologische Funktionen übernehmen.

• Wegeseitenräume, Heckensäume und Grabenränder

Drei Meter breite, extensiv bewirtschaftete Randbereiche sollen die vorhandenen Strukturen ergänzen. Durch Selbstbegrünung oder geeignete Einsaat entstehen zusätzliche Nahrungs- und Deckungsflächen. Gleichzeitig wird die Biotopvernetzung innerhalb der Agrarlandschaft verbessert.

Die Kombination aus Lebensraumgestaltung, Prädationsmanagement, Auswilderung und kontinuierlichem Monitoring soll dabei deutlich nachhaltiger wirken als isolierte Einzelmaßnahmen. Langfristig erhofft sich das Feldhuhnprojekt der Jägerschaft Uelzen insbesondere:

• mehr Deckungs- und Rückzugsräume,

• ein verbessertes Nahrungsangebot, insbesondere für Jungvögel,

• bessere Bedingungen für Brut und Jungenaufzucht,

• eine Verringerung von Verlusten durch geeignete Habitatstrukturen und Prädationsmanagement,

• eine stärkere Vernetzung vorhandener Lebensräume,

• eine Verbesserung der Lebensbedingungen für weitere Feldvögel, Insekten und bodennah lebende Arten,

• eine stärkere Integration von Biodiversitätsschutz in die landwirtschaftliche Praxis.

Fazit

Die lebensraumverbessernden Maßnahmen für das Rebhuhn als Leitart sollen dazu beitragen, die biologische Vielfalt der Agrarlandschaft rund um Bad Bevensen und Bienenbüttel dauerhaft zu verbessern. Dazu werden bewährte Maßnahmen aus Rebhuhnschutz und Vertragsnaturschutz miteinander verbunden. Die entscheidende Grundlage bildet die Schaffung geeigneter Lebensräume auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Ergänzt wird diese durch Prädationsmanagement, die Auswilderung autochthoner Rebhühner, ein kontinuierliches Monitoring sowie die Beratung und Einbindung der Landwirtschaft. So soll Schritt für Schritt eine Agrarlandschaft entstehen, in der produktive Landwirtschaft und aktiver Arten- und Biotopschutz miteinander vereinbar sind.

Ehrenamtliches Engagement ist oft das tragende Fundament, ohne das solche umfangreichen Projekte gar nicht erst realisiert werden könnten. Hinter dem Erfolg solcher Vorhaben stehen meist Menschen, die viel Herzblut, Freizeit und unentgeltliche Arbeit investieren. Das Kooperationsprojekt der Jägerschaft Uelzen e.V. mit der Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen kann freilich nur durch eine erhebliche, finanzielle Unterstützung funktionieren, die insbesondere durch die niedersächsische Bingo-Umweltstiftung und den Landkreis Uelzen ermöglicht wurden und durch welche die Vertragsnaturschutzmaßnahmen mit den Landwirten erst realisierbar werden.

Sie haben Interesse ähnliche Maßnahmen in ihrem Hegering oder in ihrer Jägerschaft umzusetzen und wollen sich noch detaillierter informieren, dann können Sie sich gerne direkt an die Jägerschaft des Landkreises Uelzen wenden.

 Sebastian Kapuhs