Politische Spitze
Prädationsmanagement
Das Thema Prädationsmanagement erhitzt seit vielen Jahren die Gemüter. Während wir Jägerinnen und Jäger, aber auch viele Wissenschaftler von der Idee überzeugt sind, gibt es nach wie vor auch einige wenige selbsternannte „Initiativen“ vermeintlicher Wildtierschützer, die hartnäckig jeden Einfluss von Prädatoren negieren und dabei auch nicht mit Polemik sparen. Gut, dass es nun ein klares und eindeutiges Bekenntnis auch des behördlichen Naturschutzes dazu gibt: Anfang Oktober fand an der Norddeutschen Naturschutzakademie (NNA) im Rahmen einer Kooperationsveranstaltung zwischen der NNA, dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und der Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. (LJN) eine Fachveranstaltung zum Thema „Prädationsmanagement in Niedersachsen“ statt. Über 100 Fachleute und Vertreter aus Wissenschaft und Praxis, aus Jägerschaften und Landkreisen, speziell der Unteren Naturschutzbehörde, lauschten den Vorträgen hochkarätiger, teilweise international agierender Dozenten, die sich – man höre und staune – einen ganzen Tag lang intensiv darüber ausgetauscht haben, wie seltene Bodenbrüterarten in Naturschutz- und Vogelschutzgebieten sinnvoll vor Prädatoren geschützt werden können. Um es noch deutlicher zu beschreiben: Natürlich sind intakte Lebensräume wichtig, ihre Verbesserung bleibt eine Daueraufgabe, aber es ist in den Reihen des behördlichen Naturschutzes angekommen, dass Artenschutz nur in Verbindung mit der Jagd machbar ist. Man muss bestimmte Arten „entnehmen“, um andere Arten zu schützen. Allein dies ist schon bemerkenswert, denn bis in die jüngere Vergangenheit hinein galt dort stets das Credo, Lebensraumverbesserung und -aufwertung sei der Schlüssel zum Erfolg.
Der Wissenschaft ist längst klar, dass ein erfolgreiches Prädationsmanagement nur gelingen kann, wenn die Thematik ganzheitlich betrachtet wird. Die Botschaft ist klar formuliert: Seit über 35 Jahren bemühen sich unzählige Wissenschaftler und Naturschützer, zu denen natürlich auch die Jägerinnen und Jäger zählen, um den Artenschutz der Bodenbrüter. Im Rahmen der Veranstaltung wurde an vielen Stellen deutlich, wie wichtig und notwendig die intensive Bejagung des Raubwildes im Sinne der Bodenbrüter ist. Dass die Falle dabei ein hocherfolgreiches Instrument darstellt, war vollkommen unstrittig. Sie ist im Artenschutz nicht wegzudenken – anders, als es die Politik vermutet.
Als ein Stück weit außenstehender Betrachter zwischen geballter Fachkompetenz in Sachen Bodenbrüterschutz war ich überrascht, dass mehrere Jahrzehnte vergehen müssen, bis Einigkeit darüber herrscht, dass Prädationsmanagement nicht nur extrem komplex und wichtig ist, sondern immer ganzheitlich betrachtet werden muss. Ein perfektes Habitat wie das Vogelschutzgebiet Dümmer (V39) mit rund 4.600 Hektar als geschützter Bereich für seltene Wasservögel reicht bei weitem nicht aus, um einen günstigen Erhaltungszustand für vom Aussterben bedrohte Bodenbrüterarten herzustellen. Wir Jägerinnen und Jäger werden in Zukunft gerade in Richtung Artenschutz eine immer wichtigere Rolle einnehmen – und das in einem Umfang, den wir heute abschließend noch gar nicht ermessen können. Ein weiteres Dilemma ist das Paradoxon, dass Naturschutzgebietsverordnungen teilweise Schutzziele durch Jagd- und Entnahmebeschränkungen quasi ausschließen. Am Rechtsrahmen, so ist sich die Wissenschaft einig, liegt es dabei nicht. Vielmehr muss geltendes Recht vernünftig ausgelegt und dann umgesetzt werden. Stichwort günstiger Erhaltungszustand: Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet, den günstigen Erhaltungszustand und die Überlebensfähigkeit seltener Arten langfristig zu sichern. Hierfür bedarf es eines Managementplans für Prädatoren, der ganz ausdrücklich alle aktuell geltenden jagdrechtlichen Regelungen ausschöpft. Mehr noch: Im Sinne des Schutzes von Wiesenvögeln und Bodenbrütern ist eher eine Erweiterung notwendig als rechtliche Einschränkungen.
Hoffen wir im Sinne des Natur- und Artenschutzes darauf, dass sich auch die politischen Entscheidungsträger aller Couleur für diese „neuen“ Erkenntnisse des Naturschutzes öffnen und dem Prädationsmanagement landesweit die Bedeutung beimessen, die es zum Schutz und Erhalt der Wiesenvogelpopulationen einnimmt. Niedersachsen gilt schließlich als das wichtigste „Wiesenvogelland“ Deutschlands. Hier brüten hohe Anteile der gesamtdeutschen Brutbestände von beispielsweise Uferschnepfe, Kiebitz, Brachvogel, Rotschenkel, Bekassine und Wachtelkönig. Deshalb hat das Land auch eine besondere Verantwortung für deren Schutz. Übrigens, und auch das ist bemerkenswert: Wer glaubt, dass man sich während der Veranstaltung nur auf die Raubsäuger konzentriert hat, der irrt. Denn von Seiten des behördlichen Naturschutzes rückten in den Vorträgen auch die Greifvögel in den Fokus. Es ging dabei um Vogelarten wie zum Beispiel den Mäusebussard: Anhand verschiedener Beispiele aus Projektgebieten, wurde auch der Einfluss der gefiederten Prädatoren mehr als deutlich. Maßnahmen wie die Beseitigung von Bäumen als potenzielle Horststandorte helfen da nur bedingt, so eine Erkenntnis. Zu groß ist die „Sogwirkung“ und der Radius der Greife aus den umliegenden Gebieten – aber das ist eine andere Geschichte. Bleibt zu hoffen, dass dieser Wandel in Wissenschaft und seitens der Fachbehörde irgendwann die Scheuklappen der weiter ideologisch geprägten Politiker durchdringt.
Waidmannsheil
Wulf-Heiner Kummetz