Bodenbrüterschutz

Eier sind eine leicht zu transportierende und lagerfähige Nahrung, die insbesondere von Mardern gerne angenommen wird

Prädationsmanagement ist gelebter Naturschutz

Anfang Oktober haben die Norddeutsche Naturschutzakademie (NNA), der Niedersächsiche Landesbetrieb für Wasserwirtschaft Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und die Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. (LJN) zu einer Tagung in Schneverdingen mit dem Thema „Wie kann ein effizientes Prädatorenmanagement für bodenbrütende Vogelarten landesweit gelingen“ eingeladen. Der Einladung folgten weit über 100 Expertinnen und Experten, viele von ihnen setzen sich seit Jahren für den Schutz von Bodenbrütern ein.

Der Veranstaltungstitel macht deutlich, wie wichtig ein gutes Prädatorenmanagement ist. „Rund 73 Prozent der Gelege von Bodenbrütern gehen durch Prädation verlustig“, sagte Kerrin Obracay von der staatlichen Vogelschutzwarte im NLWKN, Naturschutzstation Dümmer (Hüde) im Rahmen ihres Vortrages. Eine Zahl, die sehr besorgniserregend ist und deutlich macht, wie wichtig Monitoring und das Wissen rund um das Thema „Prädationsverluste“ sind. Über die vergangenen Jahre hat sich anhand umfassender Untersuchungen und Studien gezeigt, dass das Prädationsmanagement für den Bereich Raubsäuger wie Fuchs oder Marder hervorragend greift. Zunehmende Sorgen bereiten den Naturschützern aber Verluste durch Vögel. Aufgrund der nun auf ein erträgliches Maß einregulierten Raubsäugerpopulationen prädieren nun Greifvögel wie zum Beispiel der Mäusebussard die Jungvögel und schöpfen die Küken ab. Obracay wies in ihrem Vortrag darauf hin, dass es zwar sehr gute Kenntnisse im Bereich der Gelegeverluste gibt, allerdings besteht in Niedersachsen auf Landesebene das Problem der fehlenden Datenlage zum Einfluss der Prädation. Fakt ist, dass das Prädatorenmanagement definitiv ein wesentlicher und unerlässlicher Baustein zum Schutz von Bodenbrütern ist.

Schutzgebiete sind Anziehungspunkte in einer um sie herum verarmten Landschaft. So paradox es klingen mag – genau diese Tatsache macht den Bodenbrütern das Leben schwer. Um die Restvorkommen der Wiesenvögel und sonstiger Bodenbrüter in einem Gebiet muss somit, je nach Situation, ein Schutzgürtel außerhalb des eigentlichen Vorkommens eingerichtet werden, in dem die gleichen Maßnahmen wie im Vorkommensgebiet selbst umgesetzt werden, damit die positiven Wirkungen im Gebiet nicht verpuffen. Spannend ist auch die Erkenntnis, wie anpassungsfähig unsere Wildtiere sind. So lernen die Bodenbrüter schnell, dass ihr Habitat zum Beispiel durch Zäune gesichert ist. Aber auch die Räuber entwickeln kluge Techniken, um an ihre Beutetiere zu gelangen. So nehmen sie für einen gedeckten Tisch auch gerne einen Umweg in Kauf und umschwimmen zum Beispiel Zaunanlagen. Dr. Marcel Holy, von der Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer e.V. (NUVD, Hüde) betonte in seinem Vortrag, wie wichtig die Prädatorenbejagung ist und dass man für ein erfolgreiches Management unbedingt einen Kümmerer benötigt, der die Revierinhaber vor Ort immer wieder motiviert, intensiv bei der Raubwildbejagung weiterzumachen. „Man braucht ein Zugpferd, das Leute führt“, sagte Dr. Holy. Dennoch tragen am Ende die Privatjäger die Hauptlast bei der Prädatorenbejagung“, führte Dr. Holy aus. Er betonte in diesem Zusammenhang, wie wichtig die Anerkennung gegenüber dem Ehrenamt ist: „Ehrenamt ist keine Selbstverständlichkeit, diese Dienstleistung muss auch honoriert werden.“ Schlussendlich betonte Dr. Holy, wie wichtig die technische Ausstattung, ganz viel fachliches Wissen und Manpower für die Nachtjagd sind, denn es hat sich gezeigt, dass inzwischen in der Nacht mehr Prädatoren erlegt werden als am Tag.

Für die Landesjägerschaft Niedersachsen referierte Vizepräsident Ralf Eickhoff. In seinem Vortrag versicherte er, dass die Jägerschaft geschlossen hinter dem Prädatorenmanagement steht: „Ein intensives Prädationsmanagement ist bei der derzeitigen Ausprägung unserer Kulturlandschaft für die Erhaltung der Artenvielfalt unerlässlich“, sagte Eickhoff. Dabei stellte er heraus, wie wichtig in diesem Zusammenhang der Abbau bürokratischer Hemmnisse und Restriktionen ist. „Klar ist: ohne ein zielgerichtetes Prädationsmanagement wären einzelne Arten schon teilweise ausgestorben.“ Er würde sich eine stärkere Förderung der Falleninfrastruktur (d.h. Fallen und elektronische Fangmelder) durch das Land, Naturschutzbehörden usw. wünschen. „Wir Jäger in Niedersachsen sind Unterstützer und Partner, um Ziele im Natur- und Artenschutz gemeinsam zu erreichen“, so der Vizepräsident.

Auch der Referent Heinrich Belting von der staatlichen Vogelwarte im NLWKN, Naturschutzstation Dümmer, (Hüde) betonte die Notwendigkeit der Jagd, mit allen rechtlich möglichen Verfahren. „Ohne Jagd ist kein Schutz der Bodenbrüter möglich“, sagte Heinrich Belting, der dezidiert auf die Thematik des Habitates einging. „Der Lebensraum ist die Grundvoraussetzung, gerade für hochspezialisierte Arten wie Wiesenvögel. Durch das aktive Prädatorenmanagement am Dümmer auf mehreren tausend Hektar und hunderten Hektar Überschwemmungsgebiet haben wir beachtliche Erfolge erzielt: So sind die Bestände der Uferschnepfe um das Fünffache gestiegen, wir haben einen Bestandszuwachs pro Jahr von sieben Prozent. Einen ähnlichen Verlauf verzeichnen wir beim Kiebitz, beim Rotschenkel, der Bekassine, dem großen Brachvogel und demKampfläufer, die alle extreme Zuwachsraten haben“, so Belting.

Am Ende ist immer die Überlebensrate der Küken entscheidend. Mittlerweile ist es wissenschaftlich statistisch belegt, dass das Prädationsmanagement unverzichtbar ist, um erfolgreich Bodenbrüterschutz zu betreiben. Allein auf die Verbesserung des Lebensraums zu setzen, reicht nicht aus, die Gebiete sind zu klein und die negativen Einflüsse von außen in das Gebiet sind zu groß, dass man ohne ein umfassendes Prädatorenmanagement auskommen würde. Belting machte aber auch deutlich, dass es nicht reicht, sich ausschließlich mit Haarräubern in Verbindung mit dem Prädatorenmanagement auseinanderzusetzen. „Es ist wichtig, dass wir die Greifvögel als bestandslimitierende Räuber ebenfalls in ein solches Management miteinbeziehen und bei Bedarf deren Fraßdruck regulieren. Hierfür muss eine Strategie entwickelt werden. Ohne Strategie können wir mit dem Wiesenvogel- und Bodenbrüterschutz aufhören.“ Am Dümmer wurde allein in einem Mäusebussardhorst 273 Limikolenküken in einer Brutsaison eingetragen. Alle Horste in der Umgebung über vier Jahre mitbetrachtet, sind es durchschnittlich 81 – das sind erschütternde Werte die deutlich machen, dass sein Hauptanteil des Nahrungsspektrums in der Brutsaison Vögel sein können. Heinrich Belting sprach in seinem Vortrag auch das Thema Recht an. „Es braucht keinen anderen Rechtsrahmen, sondern eine vernünftige Auslegung und konsequente Umsetzung der Gesetze. Für mich ist es unverständlich, wieso flexible Maßnahmen beim Wiesenvogel-/Bodenbrüterschutz nicht schon überall umgesetzt werden können.“

 Wulf-Heiner Kummetz