Jagd zwischen Fußballstadion und Kleingartenkolonie Auf Pirsch in Hannover

Mitten in der Stadt und doch mitten im Revier (Foto: Kapuhs/LJN)

920 Hektar umfasst das Revier von Heinz Pyka, hinzu kommen ein Bund mit etwa 30 Schlüsseln für Forstschranken, Barken und Tore sowie ein Stapel voller Ausnahmeregelungen und Zertifikate. Anfang Oktober trifft sich Blattzeit-Redakteur Sebastian Kapuhs mit dem Vizepräsidenten des Niedersächsischen Anglerverbandes, Naturschützer und Jäger Heinz Pyka sowie den passionierten Fallenstellern Antje und Christian Grünig, um gemeinsam in Hannover auf die Pirsch zu gehen.

Früh am Morgen, kurz vor sieben Uhr, treffen wir uns am Rande der Landeshauptstadt für einen ersten Pirschgang. Im ersten Büchsenlicht werden einige Angelteiche und deren Randbereiche abgeglast. Ein Angler wirft bereits seine Ruten aus und die ersten aufleuchtenden Fenster der nahgelegenen Häuser läuten den Tag ein. Und sogleich wird deutlich, mit wie viel Bedacht hier gejagt werden muss. In Schrittgeschwindigkeit fahren wir anschließend die Rad- und Spazierwege entlang. Es wird langsam hell und erste Jogger und Spaziergänger kreuzen den Weg. Ziel ist eine Kleingartenanlage. Ein kleiner Bach schlängelt sich durch die Schrebergärten und bringt nicht nur Wasser und Idylle mit sich, sondern öffnet geradewegs den Zugang für eine invasive Art. Gemüse und Zierpflanzen wurden hier wiederholt geplündert und Uferböschungen untergraben – die Nutria hat hier ein perfektes Revier für sich ausgemacht. Das Team, bestehend aus Antje und Christian Grünig sowie zwei weiteren passionierten Jägern, hat insgesamt 21 Fallen im Einsatz, natürlich ausgestattet mit elektronischen Fangmeldern. Davon sind sechs Fallen speziell für Nutria, die trotz Technik zweimal täglich kontrolliert werden müssen. Und eine Falle meldet bereits: Fang!

Mehrere Barken und Tore werden nacheinander auf- und wieder abgeschlossen, um letztlich zur besagten Falle zu gelangen. Und dann: Fehlalarm! Die Jagd ist zeitlich anspruchsvoll und von der Interaktion mit den Anwohnern geprägt. Eine Besonderheit und eine große Chance für die Öffentlichkeitsarbeit, erklärt Pyka. „Hier im städtischen Bereich zu jagen heißt vor allem, sich mitzuteilen und auf die Bedürfnisse der Menschen eingehen zu können.“

Wir lieben hier schlechtes Wetter, dann ​sind weniger Menschen unterwegs.
Heinz Pyka

Zugleich ist das Revier aber sehr artenreich. „Wir bejagen hier Schwarzwild, Rehwild, Gänse, Enten, Nutria, aber natürlich auch Waschbär, Mink und Co.“ führt Pyka aus. Somit ist die stadtnahe Jagd artenreicher als so manches Nieder- und Hochwildrevier. Die invasiven Arten, insbesondere Waschbär, Mink und Nutria, sind sowohl jagdliche Herausforderung als auch Anstoß zur Kommunikation mit den Anwohnern. Oft werden die „Stadtjäger“ bei Schäden in Gärten, auf Dachböden oder sogar im Fußballstadion von Zweitligist Hannover 96 hinzugeholt. „Der Kontakt zu den Menschen zeigt uns immer wieder, wie viele Probleme es im Zusammenleben von Wildtier und Mensch gibt. Insbesondere, wenn Wildtiere in die Stadt vordringen“, ergänzt das Ehepaar Grünig. Ganze Straßenzüge haben auf ihren Anstoß hin WhatsApp-Gruppen gegründet. Sobald beispielsweise Waschbären in Haus oder Garten gesichtet werden oder Schäden auftreten, werden schnellstmöglich Fallen aufgestellt.

Und so meldet sich sogleich die nächste Falle, mitten aus der Stadt. Das Stadtleben erwacht, und auf dem Weg zur Kontrolle begegnen uns immer mehr Spaziergänger mit Hunden und Radfahrern. Bislang hatten wir noch nicht den ganz großen Anblick, dafür viele Einblicke in ein Revier, das kaum vielfältiger sein könnte. Hier zu jagen erfordert gewiss Fingerspitzengefühl – ein Spagat zwischen störungsarmem, rücksichtsvollem Waidwerken und zugleich aufgeschlossenem, kontaktfreudigem Handeln. Sie ist zugleich Herausforderung und Chance – ein Stück praktische Öffentlichkeitsarbeit im besten Sinn des Wortes. Eine Gratwanderung, die zeigt, wie viel Jagd in der Stadt wirklich leisten kann.

Das Video zur Pirsch in Hannover, mit der weiteren, ausgelösten Falle im Stadtgebiet, frischen Sauenfährten und einem überraschenden Anruf zu einer Bibersichtung finden Sie auf YouTube.

Sebastian Kapuhs