Zusammen für die Wiesenvögel

Um den Brachvogel zu erhalten, gibt es in Niedersachsen gezielte Projekte, die beispielsweise späte Mahdtermine oder Geleitschutz durch Einzäunung fördern (Foto: Canva)

Ob Großer Brachvogel oder Uferschnepfe – es gibt immer weniger Wiesenvögel. Im Ammerland will Ralf Strewe seltene Arten retten. Landwirte vor Ort helfen, Gelege und Küken zu schützen. Und das ganz ohne Bürokratie.

Mitten auf dem Acker mit jungen Maispflanzen sind etwa 300 Quadratmeter Zwischenfrucht stehengeblieben, eingezäunt von hüfthohem Elektrozaun. Das Nest im Getreide ist nicht viel mehr als eine kleine Mulde; die vier grünlichbraun gefleckten, leicht kegelförmigen Eier sind gut getarnt. Man muss schon genau hingucken, um das Gelege des Großen Brachvogels zu erkennen. Genau das macht der Ornithologe Dr. Ralf Strewe: Jeweils im April und Mai kontrolliert er die Brutgebiete der inzwischen sehr seltenen Wiesenvögeln rund um seinen Wohnort Bad Zwischenahn. Auf dem Maisfeld von Peter Beeken in Wittenriede bei Edewecht ist er fündig geworden, nicht weit entfernt vom Naturschutzgebiet Dänikhorster Moor.

„Aber der Vogel nistet auf dem Acker, obwohl dies nicht der optimale Lebensraum ist“, sagt Strewe. Damit das Brutpaar eine Chance hat, ist Strewe auf die Unterstützung der Landwirte angewiesen – also hat er den Pächter der Fläche, in diesem Fall Peter Beeken, angesprochen. „Ich habe das Wintergetreide rund ums Nest stehenlassen“, sagt Beeken, dem der Erhalt der Vogelarten ebenfalls am Herzen liegen. Er betreibt einen Sauenbetrieb und eine Biogasanlage in Ocholt. „Solange der Vogelschutz so unbürokratisch möglich ist, mache ich das gerne“, erklärt der 46-Jährige. „Ich will dafür auch keine Prämie. Ich glaube, Auflagen bei ausgewiesenen Programmen schrecken teils eher ab. Ohne kann ich von Jahr zu Jahr entscheiden, wann ich wo sähe und mähe – und auch wie hier mal etwas stehenlassen.“

„Mir geht es nicht darum, Flächen stillzulegen. Ich möchte nur die Gelege schützen und den Bruterfolg sichern“, betont Ralf Strewe. „Wenn ich beobachte, dass Vögel einen Neststandort ausgewählt haben, informiere ich den betreffenden Landwirt, um den Verlust durch Mahd oder Pflügen zu verhindern. Die Nester werden mit Bambusstöcken markiert und gegebenenfalls mit einem Elektrozaun abgegrenzt“, erklärt er sein Vorgehen. „Bei der Bingo-Umweltstiftung habe ich Mittel für Elektrozäune beantragt und bewilligt bekommen. Idealerweise mäht der Landwirt dann in einem Zehn-Meter Radius rund um das Nest und lässt einen Fluchtstreifen für die Jungvögel stehen.“

Seit 2011 kartiert der 53-Jährige das Vorkommen verschiedener Wiesenvogelarten im südlichen Ammerland, also in den Gemeinden Bad Zwischenahn, Edewecht, Apen und Westerstede. „Die Bestände gehen immer weiter zurück, der Bruterfolg ist teils gleich Null. 2011 gab es bei 26 Brutpaaren des Großen Brachvogels im Untersuchungsgebiet nur einen Jungvogel, der flügge wurde. Im vergangenen Jahr waren es bei 18 Brutpaaren immerhin acht Jungvögel, die überlebten.“

Brachvögel werden mit bis zu 15 Jahren relativ alt, daher wird sich zu wenig Nachwuchs erst spät bemerkbar machen – und lässt sich dann womöglich nicht mehr umkehren. Erfolge gibt es jedoch auch. „Mit der Jägerschaft Ammerland haben wir kürzlich per Drohne Wiesenflächen vor der Mahd nach Rehkitzen abgesucht. Dabei haben wir auch auf Vogelnester geachtet“, erzählt der aktive Jäger Peter Beeken.

In den Gemeinden Edewecht und Apen gibt es mittlerweile einen engen Kontakt zu den Landwirten der Milchviehbetriebe. Sie achten auf brütende Weibchen oder teilen Strewe den Mahdtermin mit, um ein Ausmähen der Nester zu vermeiden. Auf Wiesen am Fluß Aue in Edewecht hat der Vogelschützer mit dem Landwirt die Vereinbarung getroffen, die Mahd zu verschieben bis die Küken geschlüpft sind. Denn auch der Bestand an Uferschnepfen ist alarmierend zurückgegangen. Auf Grünland ist ein Problem, dass der erste Schnitt immer früher stattfindet. „In diesem Jahr hat es das erste Brachvogel-Nest bereits Ende April erwischt“, bedauert Strewe. Dabei ist das Ackergras für Wiesenvögel nur eine Notlösung; eigentlich bevorzugen sie Moore und feuchte Wiesen.

Die offenen Flächen in Naturschutzgebieten sind für die Vögel teils zu kleinräumig und zu dicht bewachsen. „Wiesenvögel wollen beim Brüten ihr Revier überblicken. Das geht nicht, wenn Gras und Gehölze zu hochstehen“, weiß Peter Beeken. „Wenn außerdem hohe Bäume im Brutrevier vorhanden sind, begünstigt es das Vorkommen von Rabenkrähen, die Gelege und Küken gefährden können“, ergänzt Ralf Strewe. Weitere Feinde für Eier und Küken sind Marder, Füchse und streunende Katzen. Um Landwirten in Zukunft Ausgleichszahlungen anbieten zu können, hat Strewe einen Verein gegründet: „Landwirtschaft und Artenschutz im Ammerland e.V.“. Seine Zählungen zum Vorkommen gibt er an die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Ammerland weiter, sodass vielleicht schon im nächsten Jahr offizielle Mittel für Küken- und Gelegeschutz zur Verfügung stehen.

Regionale Lösungen

Mit 25 Landwirten ist Strewe zurzeit im Gespräch, einige sind Mitglied im Verein geworden. Der persönliche Kontakt sei sehr wichtig: „Denn bei jedem Eigentümer oder Pächter sieht die Lage anders aus, welche Maßnahmen auf den Flächen praktikabel sind“, hat der Ornithologe festgestellt. Trotzdem lassen sich regional und im Kleinen immer wieder Wege finden, auch ohne Bürokratie die Wiesenvögel zu schützen.

Antje Wilken