Grünbrücken in Niedersachsen
Wildquerungshilfen sind in unserer Kulturlandschaft für den genetischen Austausch elementar. Blattzeit-Chefredakteur Wulf-Heiner Kummetz hat dazu LJN-Vizepräsident Ernst-Dieter Meinecke interviewt.
BlattZEIT: Wie viele Grünbrücken sind in Niedersachsen vorhanden?
Ernst-Dieter Meinecke: Es gibt eine Grünbrücke über die A7 im Hainberg bei Bockenem. Südlich davon befinden sich zwei Wildbrücken im Bau, ebenfalls über die A7. Eine dieser beiden Brücken befindet sich bei Hillerse im Landkreis Nordheim. Die zweite, bei Kahlefeld/Harzhorn, soll die Vernetzung zwischen Harz und Solling verbessern. Darüber hinaus gibt es eine Wildbrücke über die A36 bei Flöthe im Landkreis Wolfenbüttel. Zwei weitere Brücken führen über die A39 bei Schandelah und Cremlingen.
Können Sie uns sagen, was eine Querungshilfe am Ende mit allen Planungskosten den Steuerzahler kostet?
Planungsbüros gehen beim Bau einer Querungshilfe über z. B. eine Autobahn von Kosten im siebenstelligen Bereich aus. Natürlich soll diese Brücke bei den hohen Kosten in der örtlichen Kulturlandschaft so platziert sein, dass sie einen größtmöglichen Nutzen für das Wild schafft. Um einen möglichst attraktiven Standort auszuwählen, kann es durchaus ratsam sein, bei der Auswahl des Standortes wissenschaftliche Begleituntersuchungen vorzunehmen. Hilfreich sind hierbei Erkenntnisse über das Raum-Zeit-Verhalten des Rotwildes. Nichts wäre fataler, als einen Standort zu bestimmen, der später beispielsweise vom Rotwild nicht angenommen wird.
Nach der Standortwahl der Wildbrücke muss dafür Sorge getragen werden, dass das Wild nach dem Überqueren des Bauwerkes ungehindert weiterziehen kann. Dieses gilt nicht nur für die ersten Jahre nach dem Bau, sondern nach Möglichkeit zeitlich unbegrenzt. Barrieren nach dem „Verlassen“ der Querungshilfe müssen ausgeschlossen bleiben, das gilt unter anderem auch für Freiflächen Voltaik.
Spielen Wildbrücken bei der Planung von Fernstraßen heute eine andere Rolle als in der Vergangenheit?
Erfreulicherweise sind die Bedürfnisse der wandernden Wildarten in den letzten Jahren in den Planfeststellungen bei Neubaustrecken mit berücksichtigt worden. Zum Beispiel sind in den Planungsunterlagen zum Lückenschluss der A39 zwischen Wolfsburg und Lüneburg mehrere Grünbrücken erkennbar. Dieses war bei weitem nicht immer so. So gibt es zum Beispiel bis heute keine Wildbrücke über die A7 zwischen dem Kreuz Hannover Ost und der Landesgrenze Hamburg. Ebensowenig auch auf der gesamten Strecke der A2 zwischen Hannover und der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt.
Die Forderung des Deutschen Jagdverbandes, deutschlandweit jährlich 10 Querungshilfen über bestehende Verkehrswege neu zu errichten, gilt unvermindert.
Gibt es in Niedersachsen rotwildfreie Gebiete?
Im Südwesten Deutschlands gibt es noch immer behördlich festgesetzte rotwildfreie Gebiete. Diese „Zwangsbejagung“ stellt zusätzlich den so wichtigen Genaustausch infrage. Im Norden und im Nordosten, also auch in Niedersachsen, gibt es diese rotwildfreien Gebiete erfreulicherweise nicht.
Gibt es in Niedersachsen Gebiete, in denen das Rotwild einen bestimmten Lebensraum nicht mehr verlassen kann?
Ein niedersächsisches Beispiel für die Verinselung eines Lebensraumes ist das Altwarmbüchener Moor in der Region Hannover. Dieses Altwarmbüchener Moor ist im Süden durch die A2, im Westen durch die A7 und im Norden durch die A37 begrenzt. Diese drei Autobahnen sind mit einem Wildschutzzaun ausgestattet. Östlich des Moores lassen die menschliche Besiedelung mit neuen angrenzenden Gewerbeflächen keinen Platz mehr für einen Wanderkorridor. Das dort beheimatete Rotwild ist bis auf ein Nadelöhr quasi „gefangen“. Dieses führt früher oder später zu einer genetischen Verarmung der dort ansässigen Population. Abhilfe kann in diesem Fall eine Wildbrücke über die A37 in Richtung Nordwesten schaffen.
Schadet es dem Rotwild, wenn Wildquerungshilfen mit PV oder Windkraft versehen werden?
Die Ausweisung großer Areale für Freiflächen-Photovoltaik kann Lebensräume voneinander trennen, und somit dazu beitragen, die Tendenz zur Verinselung einzelner Populationen zu verstärken. Bei der Auswahl geeigneter Flächen für Freiflächen-Photovoltaik müssen daher auch die Fernwechsel wandernder Tierarten mit einbezogen werden. Bei aller Notwendigkeit für erneuerbare Energien – wichtige Wanderkorridore müssen bei der Planung ausgeschlossen bleiben.
Die LJN richtet am 18. April 2026 erstmalig ihr Wildtierforum Niedersachsen aus. Die Fachtagung steht unter der Überschrift: Rotwild – Situation, Chancen und Herausforderungen.
Wulf-Heiner Kummetz