Fit ist nicht fit genug

Typisch tadschikische Landschaft im Jirgatol. Die steilen Hänge werden immer wieder nach Wild abgeglast (Foto: Axel H. Storch)

Auf Steinbock in Tadschikistan

„Wenn Du Dich für Bergjagden interessierst, sieh zu, dass Du die anstrengenden bis zum 50sten Lebensjahr hinter Dich gebracht hast,“ empfahl mir Peter vor knapp drei Jahren, als wir im Küchenzelt in der grönländischen Wildnis zusammen mit einem selbstgemixten Colasirup-Wasser Gemisch auf dessen erlegten Rentier anstießen. Wir befanden uns am Ende einer atemberaubenden, aber auch körperlich herausfordernden Jagdreise auf Moschusochsen und Caribou. Es war meine erste richtige Bergjagd, die ich hauptsächlich nur buchte, weil ich meinen Studienfreund Carsten begleiten wollte. So richtig interessiert haben mich die Berge als niedersächsischen Plattlandtiroler nie. 

Schon lange wieder in der Heimat angekommen, ließen mich die Eindrücke Grönlands und Peter´s Worte nicht mehr los und so festigte sich die Idee vor dem skizzierten Stichtag noch eine richtig herausfordernde Bergjagd zu buchen. Nachdem zunächst Kasachstan oder Kirgistan ins Blickfeld gerieten, empfahl mir mein Freund Rolf Baldus einen ein Land, das ich bisher nicht auf dem jagdlichen Radar hatte: auf Steinbock nach Tadschikistan.

Das Basiscamp: links die beheizte Jurte für die Ranger, rechts das Küchen-, und Gästezelt (unbeheizt) (Foto: Axel H. Storch)

Knapp 18 Montage später stieg ich aus dem Flugzeug der Boing der Türkisch Airlines und wollte das Gateway verlassen, als ich meinen Name auf einem Schild lesen konnte – Sekunden später befand ich mich auf dem Rollfeld in einem Shuttle-Bus und wurde in eine COP-Lounge des Flughafens der Hauptstadt Duschanbe gefahren. Während ich dort einen Teil meines Teams, Übersetzer, Fahrer und Koch kennenlernte, erledigte ein Page die Formalitäten und brachte das Gepäck. Nachdem dieses in einen ohnehin schon vollbepacken Toyota verstaut wurde, ging es zu fünft für ca. acht Stunden durch die Nacht in das Jirgatol-Gebrige – unser Jagdgebiet - , wobei der Zufallsgenerator für mich den Sitz hinten in der Mitte ohne Kopfstütze bereithielt. Mangels Schlaf bekam ich mit, wie schnell aus der mit bunten Lichtern und Leuchtreklamen gezierten Hauptstadt ein Land zum Vorschein kam, das ich mir so nicht vorgestellt hatte. Die mitten auf der Landstraße stehen Kühe und die Ziegenherden, behütet von Kindern, die eigentlich in der Grundschule besser aufgehoben wären, haben mich genauso an Fernsehreportagen über Afghanistan erinnert, wie der Roadstop im letzten zivilisierten Dorf vor der Wildnis. Dort wurde ich zum Frühstück eingeladen: ein Blick in den Frühstücksraum machte klar: ein Möbeltischler wird seinen Unterhalt hier nicht verdienen können: landestypisch ging es in den Schneidersitz oder für Fortgeschrittene in die Hocke zu Tee, Weißbrot, gebratenen Würstchen, Spiegelei und Quark. Nach dem Essen kam mir die Idee, das letzte Mal für die nächsten Tage die Sanitäranlagen aufzusuchen. Nachdem ich diesen in einem Schuppen fand und mich ein kleines, nicht allzu sauberes Loch angrinste, meinte mein Körper die eben noch als dringend eingestufte Notdurft doch noch verschieben zu können und müssen. 

„Oshi Palov“ ist ein typisches Nationalgericht, zubereitet auf der einfachen Feuerstelle (Foto: Axel H. Storch)

Nach weiteren 2 Stunden im Auto und einem zweiten Frühstück bei unserem Jagdführer Assad verließen wir den Toyota am Rande der Zivilisation und wechselten das Verkehrsmittel. Während mein Mitjäger mutig auf ein kleines Pferd stieg, vertraute ich den eigenen Füßen. Das Gepäck wurde auf die fünf bereitstehenden Esel und die Ranger verteilt. Ich zierte mich anfangs, meinen Rucksack an unseren Übersetzer abzugeben, war ich das Tragen doch aus Grönland gewohnt und vertraute auf meine Vorbereitung. Ich war doch nicht umsonst über ein Jahr zweimal wöchentlich zum Sport in die heimische Crossfitbox, eine Art alternatives Sportstudio, gegangen!? Schnell merkte ich aber, dass es nicht nur eine nette Geste war den Rucksack zu tragen, sondern eine Notwendigkeit. Das raue Gelände und die stetig dünner werdende Luft auf dem 12 Kilometer und über sechs Stunden langen Marsch ließen mein Ego schmelzen und das schlechte Gewissen, dass mein ca. 18 Kilo schwerer Rucksack von einem Anderen Getragen wird, schnell verschwinden.  Neben landestypischen Eindrücken bot die Wanderung einen unvergesslichen Vorgeschmack auf das, was kommen mag. Als wir eine kleine Schlucht passierten, wechselte in nur knapp etwas über 100 Meter Entfernung eine Steingeiß mit ihrem Kitz über den Weg. Ich habe schon viele verschiedene Wildarten erleben dürfen, aber noch nie war ich so beeindruckt: wie spielerisch und gleichzeitig ästethisch das Steinwild an der Steilwand davonzog werde ich nie vergessen. 

Nach circa 9 Kilometern kamen wir an einen schnell fließenden Fluss, den wir überqueren mussten. Die Frage wie, klärte sich schnell: über der Schlucht hing in ca. 10 Meter Höhe über dem Fluss ein ca. 60 Meter langes Stahlseil gespannt, daran hing ein „Metallkorb“ mit Sitzbrett, auf das man sich setzte. Meine mehr oder weniger scherzhaft gestellte Frage, wann denn der TÜV die Konstruktion das letzte Mal abgenommen habe, konnte oder wollte mein Übersetzter nicht beantworten; also: Mut zusammen und sich einfach auf dem Brett sitzend und der Stange festhalten fallen lassen. In kurzer Zeit passierte ich die Schlucht und fühlte mich fast in die Kindheit zurückgesetzt, nur dass am Ende der „Seilbahn“ kein Reifen, sondern ein dicker Findling wartete, auf dem man landen sollte. Das Basislager in ca. 2.600 Meter Höhe erreichten wir in der Dunkelheit, die steilen Schlusspassage am Hang musste daher im Taschenlampenlicht absolviert werden- nichts für Jäger mit Höhenangst. Während wir auf die Ranger mit dem Gepäck warteten, zauberte uns Assad ein landesübliche Tassensuppe mexikanischer Art mit Instant-Nudeln – und sehr scharf. Das Basiscamp bestand aus einer Yourte (für die Ranger), einem Küchenzelt und einem amerikanischen Gästezelt. Im Gegensatz zu der mit Holzofen beheizten Yourte musste man sich im Gästezelt selbst warm halten, dafür war die Luft dort wesentlich besser. In der Yourte schliefen und lebten schließlich bis zu 8 Ranger. 

Der folgende Tag war ein Rest-Day (Ruhetag), damit wir uns ein wenig in der Höhe akklimatisieren konnten. Neben Lesen stand Ausrüstungspflege auf dem Programm, schließlich ging es am Folgetag um 5.30h los in das Jagdgebiet. Bereits nach 200 Metern musste ein MItjäger der Höhe Tribut zollen und zum Basislager zurück; Kreislauf und zitternde Knie ließen den Marsch ins Jagdgebiet nicht zu. Eine richtige Entscheidung, war doch die Anfangspassage noch recht leicht. Eine Rückkehr nach der Überquerung von der nahen Schlucht und eines Gebirgsbaches wäre eine Herausforderung, wenn auf die körperliche Fitness nicht zu 100 Prozent Verlass ist. Das Erreichen des Jagdcamps in ca. 3.300 Metern Höhe gar unrealistisch. Zwar war die Entfernung von ca. 7 Kilometern nicht besorgniserregend, neben dem mittleren Schwierigkeitsgrad mit anspruchsvollen Passagen mit Steigungen von ca. 70 Grad Neigung und kleineren Steilhängen kommt eine für den Niedersachsen unbekannte Komponente ins Spiel, die für Unberechenbarkeit sorgt: die Höhe. Der geringer Sauerstoffgehalt ist im Vorfeld kaum trainierbar und sorgt spürbar für eine andere Belastung des Herz-Kreislaufsystems. Nachdem ein zweiter Gebirgsbach überquert wurde, ging es einem alten Gletscherlauf mit unzähligen Stein- und Felsbrocken stetig hinauf. Stetig hinauf ging es auch mit dem Puls: im Schnitt lag dieser bei 140 bis 145 Schlägen pro Minute, in der Spitze bei 175, und das bei mäßiger bis langsamer Gehgeschwindigkeit, ca. 35 bis 40 Minuten pro Kilometer, Pausen nicht mit eingerechnet. Pausen sind sehr wichtig und werden von den Rangern ausgiebig gemacht, aus unterschiedlichem Grund. Mal ist es Zeit für ein Tagesgebet, zumeist aber wird der Proviant aus den auf dem Rücken geschnallten Plastiksäcken geholt, Tee gekocht und gemeinsam auf dem Boden hockend gegessen. Gegessen wird alles, was sich in der Wildnis hält. Neben Weißbrot, dass mit Länge des Aufenthaltes immer trockener wurde, vor allem Keks, Marmelade und Tütensuppen. 

(Foto: Axel H. Storch)

Ausrüstung

Vor Beginn der Reise hießen die Prioritäten: erstens Sicherheit am Berg, zweitens nicht frieren. In diesen Kategorien haben sowohl die Stiefel Karakorum (La Sportiva) und das Zwiebelschichtprinzip aus Merinowolle von Aclima voll überzeugt. Die Schuhe boten in widrigen Situationen sicheren Halt am Berg. Auch die Nutzbarkeit als Hundeführer in heimischen Revieren und die Optik ist überzeugend. Das mit der Optik galt für den Geheimtipp des Jagdausstatters für die Produkte von Aclima nicht. Bei der Anprobe der langen Netzunterwäsche kam der Gedanke auf, dass ich mich eher auf den nächsten CSD (Christopher Street Day) vorbereite als auf eine Jagdreise. Aber im Vertrauen auf die Empfehlung biss ich den sauren – und teuren - Apfel und investierte viel Geld in drei Schichten für den Oberkörper und langer Netzunterhose und warmer Jogginghose für das Camp;  ich wurde nicht enttäuscht. Unglaublich, aber sowohl bei körperlicher Anstrengung als auch in Ruhephasen konnte die Körpertemperatur schnell optimal reguliert werden. Erstaunlich wie funktional das System ist; als ich einmal meinen warmen Lieblingspulli mit Membrane gegen den Warmwool Hoodie tauschte, war das Aclimasystem gestört und ich schwitzte mit halb tot. 
 

Im Jagdgebiet angekommen zeigt sich einmal mehr die gemütlich tadschikische Mentalität. Während wir Deutschen erst einmal das Lager bereitet hätten, widmet sich der Tadschike dem Feuermachen, damit der Tee gekocht werden kann. Wobei mir auffiel, dass die Ranger bestimmte getrocknete Kräuter sammelten und in das kochende Wasser warfen. Von dem noch im Basislager reichlich vorhandenen schwarzen Tee keine Spur. Auf Nachfrage gestand mir der Übersetzter, dass man den Tee im Basislager vergaß. Es folgte ein Moment, den ich als „die großen kirgisischen Augen“ für immer im Gedächtnis behalten werde: Assad, der Chef mit kirgisischen Wurzel, staunte nicht schlecht, als der niedersächsische Jagdgast einen einvakumierten Beutel mit unterschiedlichen Teesorten aus seinem Rucksack kramte und fragte, ob es Schwarztee, Früchtetee oder grüner Tee sein darf. Ob die Verwunderung der Tatsache des mitgebrachten Tees galt oder der Missachtung seiner mehrfach wiederholten Ansage, sich bei der Tour ins Jagdcamp auf das absolute Notwendigste zu beschränkten, hinterfragte ich aber lieber nicht. Die Frage nach der Sorte wurde im Übrigen nicht beantwortet, bevor ich reagieren konnte, flogen Teebeutel unterschiedlicher Geschmacksrichtungen in eine Kanne heißen Wassers und sorgten für einen scheußlichen Geschmack, aber warm war das Getränk zumindest. 

Am frühen Nachmittag ging es los zu einem ersten Pirschgang, ein Fehler hier nicht nein gesagt zu haben. Das Gelände war noch viel steiler als auf dem Weg ins Jagdcamp und verbrauchte die letzten Körner.  Ohne Anblick kehrten wir bei Einbruch der Dunkelheit zurück und – aßen. Im Dunkeln und schon bei spürbarer Kälte, die sofort einbricht, sobald die wärmende Sonne nicht mehr am Himmel steht, war es soweit: trockene Gräser wurden gesammelt und dienten als Unterlage für die Zelte. Ein Glück, dass ich dank der Empfehlung meines Jagdausstatters nicht auf die Grasisolierung angewiesen war. Der stolze Preis der Therm-A-Rest Luftmatratze machte sich im wahrsten Sinne bezahlt. Ich fühlte mich wie mein Hund in seiner Hundehütte auf seiner Unterlage. Die beschichtete Matte reflektiert die Körperwärme so, als ob man auf einer Heizdecke liegt. Dass nachts tatsächlich Temperaturen unter dem Gefrierpunkt vorherrschten, merkte ich am nächsten Morgen. Während im Schlafsack wohlige Wärme herrschte, war dieser von außen steif gefroren. Die Kälte war aber nur ein Grund, das Zelt nachts nicht zu verlassen. Rund um unser Camp wechselte sich Wolfs- und Bärenlosung ab. Auch der Schneeleopard zog hier seine Fährten. Die Notdurft zu verrichten, geriet so zu einer möglichst schnellen und relativ zeltnahen Sache.  

Nach dem Frühstück ging es erneute auf Pirsch. Atemberaubend und zugleich erschreckend, ging es parallel zu einem Gletscher den Berg hinauf. Firdav, mein Übersetzer erklärte mir, dass der Gletscher vor ein paar Jahren noch bis zur Sichtbaren Oberkante reicht, ca. 25 Meter. Der Klimawandel wird hier sichtbar und muss zum Nachdenken anregen. Umso skurriler erscheint die Tatsache, dass die Ranger es zur Angewohnheit hatten, alles was man nicht mehr benötigte, im Lagerfeuer zu entsorgen. Sei es die Styroporverpackungen der Fertiggerichte, oder die Verpackungen von Snickers & Co. Sicher nicht ausschlaggebend für die Erderwärmung, aber auch kein aktiver Beitrag zum Naturschutz. 

Auf ca. 1,5 Kilometer Entfernung konnte Assad eine Gruppe Steinböcke ausmachen, darunter ein starker Bock. Da keine natürliche Deckung vorhanden war, mussten wir den Berg umschlagen, es folgte eine sieben Kilometer anstrenge Pirsch – eine extreme Belastungsprobe. Der Tag zuvor und die dünne Luft auf nun bis zu ca. 3.800 Meter Höhe machten alle 50 bis 100 Meter Atempausen erforderlich. Und dennoch hatte ich das Gefühl, dass kein Sauerstoff in der Lunge ankommt. Nachdem ein trockenes Flußbett auf dem Bauch kriechend und ein Hang erfolgreich passiert wurde, waren wir auf knapp 400 Meter an die Gruppe herangepirscht. Ein königlicher Anblick, wie die starken Böcke im Gegenhang standen. Aber keine Chance näher heranzukommen. Zwar wurden wir zu Beginn nach unserer maximalen Schussentfernung gefragt, aber schnell wurde klar, dass die angegebenen 300 Meter unrealistisch sein werden. Das Wetter war einfach zu gut. Der strahlende Sonnenschein war zwar sehr angenehm, das fanden aber auch die Steinböcke, die hoch in den Bergen standen und wir entsprechend weit und hoch pirschen mussten. Alles unter 300 Meter wäre also ein „Elfmeter“. Also entschloss ich mich es zu wagen. Es folgte ein Ritual, um das mit Assad zuvor eindringlich gebeten hatte: bevor die Patrone geladen wurde, sagte ich wunschgemäß – „Bismilloh Alluh Akbar“; Assad und die anderen 3 Begleiter wiederholten die für die gläubigen Moslems wichtige Gebetsformel – Voraussetzung dafür, dass sie das Wildbret des erlegten Steinbocks essen dürfen. Ich hätte mir zuvor als gläubiger Christ nicht vorstellen können, dass mir das über die Lippen kommt, aber es war einerseits nicht schlimm und andererseits sogar schön damit der enorm gastfreundschaftlichen Kultur Respekt zu zollen, was auch sichtbar gut ankam bei den Rangern. 

Zunächst galt es auf einem kleinen Felsvorsprung eine sichere Auflage zu finden. Die größere Herausforderung war, den Puls zu kontrollieren. Durch die letzte steile Passage bedingt war es nicht nur das Jagdfieber, dass das Fadenkreuz halbsekündlich zu springen verleitete. An einen sicheren Schuss war nicht zu denken. Also Absetzen und ruhig durchatmen. Zu einem zweiten Versuch kam es nicht, ein Flugzeug flog über das Tal und sorgte für ein rasches Abspringen der Böcke. Auch der nächste Tag brachte keinen Erfolg, so ging es hinab zum Basiscamp und ich wechselte mich mit dem Mitjäger ab, der sich mittlerweile in der Höhe akklimatisiert hatte. 

Nach zwei Tagen kehrte dieser heim zur Basis mit einem siebenjährigen Steinbock, erlegt auf 700 meter Entfernung ! Ihm war klar, das was er nicht erlaufen konnte, musste durch weites Schießen wett gemacht werden. Was meinem Mitjäger sympathisch machte: ohne Umschweife gab er zu, dass es nicht nur seine Schießkünste waren, sondern auch Diana´s Zuspruch, dass die Kugel das Ziel gefunden und für einen sofort tödlichen Schuss gesorgt hatte. 

Für mich ging es einen Tag später weiter in ein anderes Jagdgebiet, ca. 8 Kilometer von der Basis entfernt einem Flussbett folgend. Hier traf man erstaunlich viele Menschen  Goldsucher, die wie im letzten Jahrhundert spärlich ausgerüstet im Fluss Gold wuschen. Nahe des Flusses schlugen wir das Nachtlager auf, nicht ohne zuvor trockenes Gras als Bett für die Zelte zu suchen und ein kräftiges Lagerfeuer zu entzünden. Die Kommunikation in diesen letzten drei von zahn Jagdtagen gestaltete sich als schwierig, da der Übersetzer Firdav mit dem Mitjäger an der Basis blieb. Sporadischer Kontakt über ein Funkgerät war möglich, aber in der Not half der google Translater. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass Assad´s Muttersprache kirgisisch war, ich hatte nur russisch und tadschikisch heruntergeladen. Aber besser als nichts war es allemal. 

(Foto: Axel H. Storch)

Testergebnisse

  • Haferriegel von Hafervoll schmecken und eignen sich perfekt für eine Zwischenmahlzeit.
  • Brausetabletten mit Mineralien reichern das Gebirgsbachwasser an. Aber Achtung: Energiedrink Tabletten sind sehr beliebt bei den Rangern, also ausreichend einpacken.
  • Therma-A- Rest: wärmereflektierende Isomatte, sehr empfehlenswert!
  • Verbindung zur Außenwelt: Garmin InReach 2 Mini. Mit dem Iphine koppelbares Satellitenmodul. Günstige Textnachrichten und GPS Standort für die Lieben daheim – Must have, auch dank weltweiter SOS Funktion.
  • Unverzichtbar: Warmwool von Aclima. Die dritte und wärmste Lage des Schichtssystems aus Merinowolle.
  • Unverwechselbar: Lieblingsmütze des Autors von paradiseost.com.
  • Lebensversicherung: Karakorum Stiefel von La Sportiva
  • Nützlich: große Powerbank am besten begleitet von einem Solarmodul.
  • Sinnvoll: Pirschglas und Taschenspektiv, hier von DD-Optics.
  • Unbenutzt: Wärmebild-Binocular. In der Heimat super, in den Bergen nur Ballast.
  • Tarnkleidung: sehr sinnvoll, aber zumindest im Herbst sollte diese hell, fast gelblich ausfallen. Der Autor erhielt bei den Pirschgängen daher eine Jacke eines Rangers.
  • Gute Wahl: eine leichte Waffe (hier K 95 Ultimate Leather) zahlt sich in den Bergen aus. Empfehlenswert: eine Gewehrtasche mit Rucksackfunktion. Kaliberempfehlung: 6.5 creedmoor, .270 Win oder .300 Win Mag..
  • Verbesserungswürdig: das ZF Blaser B2 3-18 x 50 iC QDC+ hat sich nicht bewährt. Einmal eingestellt funktioniert die Optik gut, hat aber Nachteile beim höhenbedingt erforderlichen Einschießen in der Wildnis. Die Justierung der Absehenschnellverstellung ist eher für den heimischen Schießstand gedacht, als für die raue Wildnis. Das Einschießen erfolgt auf dem Weg ins Jagdgebiet. Kein Tisch weit und breit, nur Steine. Auf jeden Fall sollte mindestens eine der kleinen Inbusschrauben als Ersatz mitgeführt werden. Wenn davon eine herunterfällt, hat man sonst verloren. Das haben andere Hersteller besser gelöst. 

Früh am nächsten Morgen traf ein Goldsucher ein, mit dem sich Assad am Vortag unterhielt; dieser hatte eine Gruppe von Steinböcken bestätigt und begleitete uns als vierten Ranger. Ich fragte mich schon, wie wir die steilen Hänge hinaufgelangen konnten, aber der Goldsucher fand einen ausgewaschenen Gletscherpfad, den es hinauf ging. Eine steile mit Schotter bedeckt Steilpassage ging es zu einem Grad zu bewältigen. Hier hieß es die Bergstiefel und meine Sprunggelenke bis zur Belastungsgrenze zu testen. Beide hielten zum Glück stand. Unglaublich, dass die Ranger teilweise in halbhohen Turnschuhen unterwegs waren und dem Steinböcken in der Geländegängigkeit in Nichts nachstanden.

Am hüfthohen Grad angekommen, hoffte ich auf leichteres Gelände, ein Blick auf die andere Seite enttäuschte diese aber: der ca. halbe Meter breite Grad fiel auf der anderen Seite genauso steil ab, ein Gefälle von ca. 45 Grad Neigung; was für sich alleine nicht allzu gefährlich war, aber nach ca. 25 Metern ging es senkrecht nach unten.  Ausrutschen oder den sicheren Halt verlieren war kein gute Idee. Auf der Suche nach Steinböcken ging es immer weiter hinauf. Ich versuchte die Bergehänge wie die Einheimischen in serpentienartigen Kurven zu bezwingen. Das klappte, aber die letzten Tage ließen Ihre Spuren an der körperlichen Leistungsfähigkeit zurück. Die Stabilität im linken Knie und Sprunggelenk verließ mich langsam, der Stand am Hang wurde unsicherer, die Pausen länger. Meine Uhr zeigte etwas über 600 zurückgelegte Höhenmeter, als Assad mit meinem Taschnespektiv, um das sich die Ranger regelrecht stritten, wer es nutzen durfte, über den Bergrücken lugte und den gegenüberliegenden Hang ableuchtete. Eine Gruppe von Steinböcken ruhte im Gegenhang, winzig klein und mit bloßem Auge kaum erkennbar. „Iphone“ sagte Assad. Ich reichte ihm das Telfon, er machte ein Foto, zeigte es mir und zoomte mit den Fingern groß. Er zeigte auf eine Baumgruppe und erklärte mir mit Händen und Füßen, dass sich dort ein alter, starker und passender Bock aufhielt. Auf das Alter kam es mir nämlich an; zu Beginn der Jagdreise wurde gefragt, auf was für eine Trophäe man jagen möchte. Da ich Erlebnisse jage, sind mir die Trophäen nicht so wichtig, aber einen alten Bock wollte ich schon gerne waidwerken. Diese Voraussetzung erfüllte der Steinbock in der Baumgruppe zweifellos. Wir pausierten, trockenes und mittlerweile sehr hartes Weißbrot wurde aus dem Rucksack gereicht. Derweil funkte Assad den Übersetzer an, der fragte, ob ich den Steinbock erlegen wollte, trotz der Entfernung von ca. 480 Metern. Mir war innerlich klar, dass ich den morgigen Jagdtag nicht mehr in Anspruch nehmen würde, die Signale des Körpers waren eindeutig. Also willigte ich alle Bedenken beiseite schiebend ein, richtete mich auf einem Felsen ein. Diesmal sprang das Fadenkreuz nicht, die Absehenschnellverstellung auf 500 Metern eingestellt. Das Absehen ruhte Hochblatt auf dem trotz 16 facher Vergrößerung klein erscheinenden Ziel; der Schuss brach, der Bock machte einen Satz nach vorne, zeichnete aber nicht und viel auch nicht um. Unterschossen. „Das passiert mit nicht nochmal“, raunte ich im Inneren. Nachgeladen,  die Ballisikkurve im Kopf Revue passieren lassen, der Abfall auf die Entfernung ist doch größer als gedacht. Also hoch anhalten, Absehen über den Wildkörper und: drüber geschossen. Mist, eine weitere Chance war mir nicht gegönnt. Ich spüre wie einem Mischung aus Ärger und Enttäuschung in mir hoch kocht, hauptsächlich weil Assad und seine Ranger alles gegeben haben, um mich zum Erfolg zu führen. Die Enttäuschung weicht aber schnell der Konzentration, denn der Abstieg verzeiht keinen Fehltritt. An der schwierigen Passage angekommen, weicht plötzlich auch bei den Rangern die Leichtigkeit einer spürbaren Anspannung. Ein Wegrutschen hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fatale Folgen. Assad schickt einen seiner Mitarbeiter vor, er soll mit dem Bergstock Stufen in den Schotter kratzen. Das gelingt, mal besser mal schlechter; wenn man Glück hat, passt der halbe Fuß hinein, oft aber auch nur die Fußspitze. Als Absicherung greift ein Ranger fest in meine Jacke, so geht es langsam und konzentriert das Schotterfeld hinab, bis das trockene Gletscherbachbett und schließlich das Camp am Fluss erreicht ist. 

Gefährliche Passage beim Abstieg nach der letzten Pirsch – hier ist nochmals Konzentration gefragt (Foto: Axel H. Storch)

Dort startet Assad den untauglichen Versuch der Aufmunterung und verweist auf den morgigen Jagdtag. Meine Antwort tippe ich in den Übersetzer auf dem Iphone ein: „Ich muss eingestehen, dass Natur stärker ist und gewonnen hat.“ Von Anfang war mir klar, ganz ungefährlich ist es in der Wildnis nie, aber ein bewusstes unkalkulierbares Risiko einzugehen ist kein Jagderfolg wert. Daher hatte ich auch den Wechsel in ein anderes Jagdgebiet abgelehnt; hier sollte der Fluß mit einer 30 Meter hohen Seilbahn überquert werden, an der man sich ohne Sicherung festhalten sollte. 

Also ging es einen Tag eher als geplant zurück. Wie zum trotz verschlechterte sich das Wetter mit Regen und Schnee. Das sorgte nicht nur für gefährliche Steinschläge sondern auch für etwas Unmut bei Assad und den Rangern. Nicht, weil sie sich provisorisch aus Plastiksäcken Regenkleidung bastelten,  den wahren Grund erklärte mir Firdav: „Wenn wir so ein Wetter gehabt hätten, wären wir mit beiden Steinböcken spätestens nach drei Tagen fertig gewesen.“ So sollte es aber nicht sein. Dafür hatte ich 10 spannende Tage in der Tadschikistanischen Berglandschaft im Jirgatol. Wenn man den Gastgebern Glauben schenken kann, das anspruchsvollste Gebirge des Landes und vielleicht sogar weltweit. 

Jagderfolg – der Jagdkollege des Autoren konnten mit Unterstützung der Ranger einen passenden Steinbock ausfindig machen und erlegen (Foto: Axel H. Storch)

Den gewonnen Tag verbrachen wir mit einer Stadtführung unseres Übersetzers Firdav. Duschanbe ist beeindruckend mordern und äußerst gepflegt. Dass nicht nur unsere Ranger aktive Muslime waren, wurde uns klar, als wir die städische Moschee besuchen durften, diese bietet Platz für bis zu 150.000 Gläubige. Unvorstellbar, so viele Besucher fast nicht einmal das größte deutsche Fussballstadion. Da nur ein normales Freitagsgebet auf dem Plan stand, wurde nur der kleine Gebetsraum für 15.000 Besucher geöffnet. Nach dem Markt, dem Nationalmuseum und einem tradidionellen landestypischen Essen ging es nachts zum Flughafen. Zu Hause angekommen erhielt ich eine Nachricht vom Reiseveranstalter: ob ich diese Saison noch einmal jagen möchte, da die Lizenz noch diese Sason gültig ist. Neben der mangelnden Zeit entschied ich mich aus einem Grund dagegen: die Eindrücke und Erfahrungen waren so intensiv, dass diese nach so kurzer Zeit nicht wiederholbar sind. Außerdem waren die Erlebnisse identisch zu einer erfolgreichen Jagdreise, nur dass jetzt kein Steinbock an meiner Wand hängt. Und das ist wirklich nicht schlimm, sondern das ist Jagd. 

Axel H. Storch 

(Foto: AxelH. Storch)

„Fit für Jirgatol“

Wenn man eine herausfordernde Reise möchte, ist man im Jirgatol Gebirge bestens aufgehoben. 

Die Reise ist aber nicht für Jäger geeignet, die auf ein weiches Bett und eine Keramikschüssel angewiesen sind oder nicht über eine solide Grundfitness verfügen. Zwar kann die Höhe nicht oder nur sehr eingeschränkt trainiert werden. Eine sportliche Reisevorbereitung ist aber unerlässlich, möchte man sich nicht zu sehr quälen, sondern die Reise auch genießen können. 

Als sehr effektives Training hat sich ein Zirkeltraining erwiesen, welches z.B. in Crossfitboxen angeboten wird. Diese alternativ angehauchten Fitniesstudios gibt es nahezu flächendeckend in Niedersachsen (www.crossfit.com). Neben einer Grundlagenausdauer sollte der Schwerpunkt auf Kraft-Ausdauer gelegt werden. Stumpfes Tragen von Kugelhanteln (farmer carry) oder das Besteigen von Boxen von unterschiedlichen Höhen  (Box Step up), mit und ohne Gewicht, sind die Übungen der Wahl. Hiervon kann man nicht genug Wiederholungen machen. Man sollte mindestens 12 Monate vor der Reise mit dem Sport beginnen, zweimal die Woche eine Stunde Training ist das Minimum. Schafft man 1.000 Box Step up´s (ohne Gewicht) in ca. 75 Minuten, ist die Grundlage gelegt. 

Ob man auf dem richtigen Weg ist, kann auch eine Spiroergometrie klären, die ca. 4 bis 6 Monate vor Reisebeginn durchgeführt werden sollte. Hierbei wird die Atmung untersucht, während man auf einem Ergometer fährt. Durch diese Untersuchung wird die Leistungsfähigkeit unter körperlicher Belastung festgestellt und Atemvolumen, Sauerstoffaufnahme und Herzfrequenz gemessen. Diese Untersuchung ist natürlich nicht zwingend, das grüne Licht vom Arzt gibt aber ein gutes Gefühl.