Interview mit Dr. Baumgarte zum hochpathogenen aviären Influenzavirus H5N1
Mitte der 90er Jahre entsprang das Influenzavirus H5N1 in Südostasien und breitet sich seither global aus. Seit einigen Wochen berichten die Medien tagtäglich von neuen Totfunden oder Ausbrüchen in Hausgeflügelbeständen – und dies mitten in der alljährlichen Treibjagdsaison. Wir haben mit dem promovierten Tiermediziner und Abteilungsleiter im ML Dr. Baumgarte über den aktuellen Stand, Hinweise für den praktischen Jagdalltag sowie über künftige Prognosen gesprochen.
BLATTZEIT: Jährlich nehmen wir Zugvögel in großen Mengen wahr – wie groß ist tatsächlich die Rolle dieser Wildvögel bei der Verbreitung der Vogelgrippe?
Dr. Baumgarte: Infektionen mit dem Virus der Vogelgrippe oder der hochpathogenen aviären Influenza werden in Europa beziehungsweise Deutschland ganzjährig bei Wildvögeln festgestellt. Zugvögel können jedoch auf ihren Reisen im Herbst auf dem Weg ins Winterquartier oder im Frühjahr zurück zu ihren Brutgebieten neue Varianten des Vogelgrippe-Virus über große Entfernungen in andere Gebiete mitbringen. An Rast- beziehungsweise Futterplätzen und Winterquartieren, wo sich eine große Anzahl an Zugvögeln, oftmals verschiedener Vogelarten, auf relativ engem Raum zusammenfinden, steigt die Wahrscheinlichkeit der Virusübertragung. Vor allem wildlebende Wasservögel wie Enten und Gänse gelten als natürliches Reservoir der Aviären Influenza. Sie sind häufig betroffen, teilweise jedoch klinisch unauffällig und scheiden trotzdem das Virus aus.
In diesem Jahr scheinen insbesondere Kraniche Opfer des Influenzavirus H5N1 zu sein, in den Vorjahren waren es mitunter Möwen oder spezielle Wildgänse – handelt es sich hierbei stets um neue Virusvarianten also Mutationen oder entwickeln gewisse Arten deutlich langsamer Antikörper gegen das Virus?
Warum manche Arten stärker vom Influenzavirus H5N1 betroffen sind als andere, ist nicht abschließend geklärt. In den Vorjahren zählten zum Beispiel Möwen zu stark betroffenen Wildvogelarten. Die Möwe schien im Gegensatz zu anderen heimischen Wildvögeln besonders empfänglich für die damals verbreitete Variante des Virus zu sein. Zwischenzeitlich hat sich das Virus wieder etwas verändert und Möwen sind weniger betroffen.
Außerdem wird angenommen, dass bestimmte Wildvogelarten, z. B. Wildenten und Wildgänse durch ihren häufigen Kontakt mit dem Virus mittlerweile eine gewisse Immunität aufbauen konnten.
Kraniche waren in Deutschland bisher nicht von Infektionen mit dem Virus der Aviären Influenza betroffen. In diesem Jahr sind jedoch besonders Kraniche mit dem Influenzavirus H5N1 infiziert: Kraniche sind demnach hochempfänglich für das Virus, mussten sich aber bisher nicht mit dem Virus auseinandersetzen und konnten keine Immunität aufbauen. Deshalb verläuft die aktuelle Vogelgrippe-Welle mit besonders schweren Krankheitserscheinungen beziehungsweise Todesfällen bei Kranichen. Es ist davon auszugehen, dass auch das diesjährige, früh einsetzende Zugverhalten der Kraniche beziehungsweise deren Kontakt mit infizierten anderen Vogelarten zu der Betroffenheit von Kranichen beigetragen hat. Die aktuelle H5N1-Welle bei Kranichen ist dabei nicht auf das Auftreten einer neuen Virusmutation zurückzuführen, sondern auf eine Variante des bereits vorhandenen H5N1-Stammes.
Entscheidend dafür, welche Vogelart im jeweiligen Jahr besonders gefährdet ist, sind insofern neben Virusvarianten möglicherweise die bereits aufgebaute Immunität einzelner Wildvogelarten. Arten, die selten vorher betroffen waren und daher keine Antikörper haben, sind in einem Jahr dann stärker betroffen als solche mit Teilimmunität durch frühere Infektionswellen.
Wie hoch ist das Risiko, dass sich Jägerinnen und Jäger beim Umgang mit erlegtem Wild anstecken?
Das Risiko für Jägerinnen und Jäger, sich mit dem H5N1-Virus beim Umgang mit erlegtem Wild anzustecken, ist als gering, aber nicht völlig ausgeschlossen einzustufen. Übertragen wird das Virus in seltenen Fällen durch direkten Kontakt mit infektiösen Körperflüssigkeiten wie zum Beispiel Blut beziehungsweise Schweiß oder Kot sowie auch Gestüber oder Geschmeiß oder auch kontaminiertem Material bei der Verarbeitung von Federwild.
Bemerkenswert ist, dass das Vogelgrippe-Virus derzeit vermehrt bei gesund erlegten Enten, insbesondere Stockenten, nachgewiesen wird. Damit Erkenntnisse über die Verbreitung des Virus bei dieser Wildvogelart gewonnen werden können, benötigt die Wissenschaft möglichst viele Proben von gesund erlegten Enten. Jägerinnen und Jäger, die Proben von gesund erlegten Enten beim Veterinäramt abgeben, leisten damit einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Vogelgrippe bei Wildvögeln.
Jägerinnen und Jäger, die Proben von gesund erlegten Enten beim Veterinäramt abgeben, leisten einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Vogelgrippe bei Wildvögeln.
Welche konkreten Hygienemaßnahmen würden Sie uns empfehlen, um auf der sicheren Seite zu sein?
Um auf der sicheren Seite zu sein, kann Jägerinnen und Jägern empfohlen werden, Einmalhandschuhen, am besten auch eine Mund-Nasen-Schutz-Maske und eine Schutzbrille beim Versorgen von Federwild sowie bei Kontakt mit möglicherweise kontaminiertem Material zu tragen. Ferner sollten Hände, Arbeitsgeräte und gegebenenfalls Stiefel nach dem Kontakt mit Wildvögeln mit Wasser und Seife gereinigt und desinfiziert werden. Schutzkleidung sollte nach einmaliger Verwendung entweder unschädlich entsorgt werden (Einmalschutzkleidung) oder bei mindestens 60 Grad Celsius gewaschen werden. Erlegtes Wild sollte mit einer ausreichenden Garzeit verarbeitet oder durcherhitzt werden, bei einer Kerntemperatur von mindestens 70 Grad Celsius. Der Kontakt mit Wildvögeln, die krank erscheinen oder tot aufgefunden wurden, ist ohne Schutzvorkehrungen zu vermeiden. Im Übrigen sollten Geflügelhaltungen nach solchen Kontakten nicht vor Ablauf von drei Tagen betreten werden. Entsprechende Empfehlungen hat auch die Landesjägerschaft Niedersachsen am 28. Oktober dieses Jahres bekanntgegeben.
Auch wenn es nach meiner Kenntnis dafür bisher in Deutschland keinen Nachweis gibt, sollten Jagdhunde insbesondere von Kadavern oder verendeten Wildvögeln möglichst ferngehalten werden. Die Symptome bei Hunden wären Fieber, Abgeschlagenheit und Fressunlust bis zu Atemwegserkrankungen und neurologischen Symptomen wie Bewegungsstörungen. Eine Infektion kann aber durchaus auch klinisch unauffällig verlaufen.
Wie beurteilen Sie die Massnahmen in einigen betroffenen Landkreisen, ein Verzicht auf die Wasserwildjagd zu empfehlen?
Das Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, empfiehlt: In Zeiten eines hohen Risikos oder bei Kenntnis von Fällen oder Ausbrüchen mit der stark krankmachenden Variante des Virus der Aviären Influenza wie etwa H5N1 in einem Gebiet sollte die Aussetzung der Jagd auf Wassergeflügel in Betracht gezogen werden, sowohl um Störungen des Wildvogelbestandes zu verringern als auch um die Möglichkeit einer Ausbreitung der Infektion aus der freien Natur in den häuslichen Bereich zu reduzieren, wenn infizierte erlegte Vögel verbracht werden.
Über einen Verzicht zur Jagd auf Wasserfederwild sollte vorrangig eigenverantwortlich unter regionalen Gesichtspunkten entschieden werden. Gleichwohl können Gründe der Biosicherheit, insbesondere das Risiko des Viruseintrags in Geflügelhaltungen, und die Verhinderung der Weiterverbreitung des Erregers vor allem in Gebieten mit infizierten Wildvögeln die Anordnung eines zeitlich befristeten und regional begrenzten Aussetzens der Jagd auf am Wasser lebendes Federwild erforderlich machen.
Viele Jäger melden kranke oder tote Wildvögel – wie wichtig ist diese Mitarbeit aus wissenschaftlicher Sicht für das Monitoring?
Jägerinnen und Jäger sind oft die ersten, die auffällig erkrankte oder verendete Wildvögel finden. Die Mitwirkung von Jägerinnen und Jägern, insbesondere das Melden und Einsenden kranker oder toter Wildvögel in Abstimmung mit den Veterinärbehörden, ist aus wissenschaftlicher Sicht von großer Bedeutung für ein effektives Monitoring beziehungsweise eine Übersicht zur Lage der Vogelgrippe. Aber auch Proben von gesund erlegtem Federwild, vor allem von Enten, sind aktuell von großer Bedeutung für das Monitoring. Denn derzeit wird das Vogelgrippevirus vermehrt in gesund erlegten Enten, vor allem Stockenten, nachgewiesen. Das war in der Vergangenheit selten der Fall.
Die Hinweise von Jägerinnen und Jägern liefern wertvolle Daten über das aktuelle Seuchengeschehen und unterstützen, die Ausbreitungswege des Virus schnell zu erkennen, Ausbruchsgeschehen rasch einzugrenzen und gezielte Maßnahmen zu ergreifen. Das Landwirtschaftsministerium gibt dazu jedes Jahr einen Erlass mit genauen Informationen zur Probenahme und Einsendung von Proben an die Veterinärämter heraus.
Gibt es neue wissenschaftlicheErkenntnisse oder Impfstrategien, die auch für Wildtiere relevant sein könnten?
Die Einsetzbarkeit von Impfstoffen bei Hausgeflügel und Szenarien für eine wirksame Überwachung des Impfstoffeinsatzes wird aktuell diskutiert. Derzeit ist eine Impfung gegen die Geflügelpest in Deutschland nicht möglich, weil auf Bundesebene noch keine Rechtsvorgabe erstellt wurde, die den Einsatz der Impfung gegen die Geflügelpest in Deutschland ermöglicht. Derzeit wird intensiv nach Lösungsansätzen für eine Impfung von Hausgeflügel gesucht. Gegenwärtig besteht keine Aussicht auf eine Impfung von Wildvögeln gegen die Aviäre Influenza.
Interview: Sebastian Kapuhs
Dr. Baumgarte Der Experte
Studierte von 1984 bis 1990 Tiermedizin in Hannover. Eine Promotion erfolgte 1993. Seit Juli 2024 ist Baumgarte Leiter der Abteilung Verbraucherschutz, Tiergesundheit und Tierschutz im Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.