25 Jahre Pinselohren

Aufgrund der individuellen Fleckenzeichnung lassen sich in Fotofallen getappte Tiere gut wiedererkennen (Foto: Ole Anders)

Luchse zwischen Harz und Weser

Wohl nur wenige jagdhistorische Ereignisse des Harzes sind so gut dokumentiert wie die letzte Luchsjagd, die im Februar und März des Jahres 1818 stattfand und an der knapp 200 Schützen und Treiber beteiligt waren. Erlegt wurde damals nahe Lautenthal ein Kuder mit geringer Fleckenzeichnung, dessen Balg man heute noch im Naturhistorischen Museum in Braunschweig betrachten kann. Handelte es sich damals tatsächlich um den letzten bodenständigen Harzluchs? Eher nicht, denn einige Details in den damaligen Berichten weisen darauf hin, dass die jagdlichen Erfahrungen mit der Wildart Luchs nicht (mehr) allzu groß waren. So versuchte man mehrfach mit großem Aufwand aber erfolglos, den Luchs einzulappen. Anders als Wölfe lässt sich die große Katze von den Tüchern nur wenig beeindrucken.

Es wird sich damals vermutlich um einen Luchs gehandelt haben, der Jahrzehnte nach der eigentlichen Ausrottung als Langstreckenwanderer den Harz erreicht hatte. Aufgrund einer genetischen Untersuchung des Balges vor einigen Jahren wissen wir inzwischen, dass die engsten Verwandten des Kuders von 1818 heute im Baltikum leben.

Der Gedanke, den Luchs im damals noch durch die innerdeutsche Grenze geteilten Harz wiederanzusiedeln, tauchte erstmals Anfang der 1970er Jahre auf. Zu dieser Zeit hatten entsprechende erfolgreiche Maßnahmen in Slowenien und in der Schweiz bereits Aufsehen erregt.

Die Diskussion darum dauerte jedoch rund drei Jahrzehnte an, bis im Jahr 1999 die Entscheidung fiel und vom damaligen Umweltminister Jüttner verkündet wurde, die Tierart in einem gemeinsamen Projekt des Landes und der Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. in das Mittelgebirge zurückzubringen.

Zwischen 2000 und 2006 wurden im Nationalpark Harz nach und nach insgesamt 24 (9m, 15w) Luchse, Gehegenachzuchten aus Wildparks und Zoos aus Deutschland und Schweden, in einem großen Auswilderungsgehege in den Lebensraum eingewöhnt und schließlich freigelassen. Nicht zuletzt die enge Zusammenarbeit mit den Jägerschaften in der Harzregion war über viele Jahre Garant für einen erfolgreichen Projektverlauf. Manch anderslautender Prophezeiung zum Trotz hat sich aus den ausgewilderten Luchsen eine vitale Population entwickelt, die sich seit etwa 2010 allmählich auch in das Umfeld des Mittelgebirges ausbreitet. Luchsbeauftragte der regionalen Jägerschaften beteiligen sich intensiv am Monitoring, kontrollieren Funde von gerissenem Wild oder betreuen Fotofallen. Die individuelle Fleckenzeichnung der großen Katzen ermöglicht deren Wiedererkennung auf entsprechenden Bildern. Fotofallenstudien lassen daher die Aussage zu, dass innerhalb des Harzer Mittelgebirges heute rund 90 Luchse leben und mindestens 70 weitere Individuen in einem Gebiet, das sich südlich der A2 bis an die Weser erstreckt. Das gesamte rund 10.000 km2große Vorkommensgebiet berührt auch die Bundesländer Thüringen (Südharz und Eichsfeld) und Hessen (Reinhardswald, Kaufunger Wald), wo einige zusätzliche Luchse ihre Fährte ziehen.

Beutereste des Luchses spielen eine wichtige Rolle im Monitoring der Art, da hier durch genetische Proben oder den Einsatz von Fotofallen eine Reihe von Erkenntnissen gesammelt werden können. Als Pauschalbetrag für die Meldung eines Risses zahlt daher die Nationalparkverwaltung Harz 50 Euro an den zuständigen Jagdausübungsberechtigten aus. Voraussetzung ist die Begutachtung und Bestätigung des Risses durch Nationalparkmitarbeiter oder die Luchsbeauftragten der Jägerschaften. Auch zufällig, zum Beispiel bei der Ansitzjagd, entstandene Luchsbeobachtungen können wichtige Erkenntnisse liefern, werden gerne entgegengenommen und können per E-Mail, Messengerdienst oder auch über eine Online-Meldeplattform an das Harzer Luchsprojekt übermittelt werden (Kontakte: www.luchsprojekt-harz.de).

Die jeweils 10 x 10 Kilometer großen Rasterzellen werden als Vorkommensgebiet des Luchses ausgewiesen, wenn darin Fotos, genetische Nachweise, Totfunde oder wiederholt Spuren oder Rissfunde dokumentiert werden konnten. Rautensymbole markieren den Nachweis einer führenden Luchsin

Bei den auf Gehegetiere zurückgehenden und bis heute unbejagten Harzluchsen sind Beobachtungen keine übermäßig seltene Begebenheit. Rund 500 Sichtungen werden jährlich in der Datenbank erfasst. Darunter auch Begegnungen auf kurze Distanz. Attacken auf Menschen hat es in den vergangenen 25 Jahren nicht gegeben. Die Meldung von Nahbegegnungen ist für das Management der Art dennoch sehr wichtig. Auseinandersetzungen zwischen Luchsen und jagenden Hunden sind im Harz, wo im Herbst nahezu flächendeckend Bewegungsjagden stattfinden, seltene Ausnahmen. Vorsicht ist dennoch geboten, wenn freilaufende Hunde an führende Katzen oder Luchse geraten, die Risse bewachen.

Für die Kompensation von Nutztierrissen (Schafe, Ziegen, Gehegewild) wurden zuletzt jährlich rund 4.000 bis 6.000 Euro aufgewendet.

Die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Luchspopulationen ist eher mäßig. Ein Grund dafür sind die weiblichen Tiere, die nach der Trennung von der Mutter im zeitigen Frühjahr nur ungern weite Distanzen zurücklegen und Hindernisse wie Schnellstraßen oder offene Agrarlandschaften nur mit Mühe überwinden. Einen regelmäßigen genetischen Austausch zwischen den mitteleuropäischen Luchsvorkommen gibt es daher bislang nicht, was zu erheblichen Inzuchtproblemen führt. Selbst in der noch relativ jungen Harzpopulation sind solche zu befürchten, wenn in den kommenden Jahrzehnten keine Anbindung an andere Vorkommen wie z. B. im Bayerischen Wald oder im Pfälzer Wald gelingt. Zwei derzeit laufende Wiederansiedlungsprojekte im Thüringer Wald und im Erzgebirge könnten helfen die Distanzen zwischen den Luchsbeständen erheblich zu verringern. In den etablierten Beständen können in Abstimmung mit den zuständigen Behörden und Jägerschaften gut vorbereitete Maßnahmen, wie die gelegentliche Umsiedlung einzelner, besonders geeigneter Luchsweibchen in die Randbereiche der Vorkommensgebiete, den Populationsverbund fördern.

 Ole Anders