Mit zwei Apps den Jagdalltag planen und digitalisieren
Vom Ansitz zum Wildsteak – mit zwei Apps den Jagdalltag planen und digitalisieren
Zwei Apps, geplant und umgesetzt aus den Reihen unserer Jägerschaft, helfen bei der Vernetzung von Anbietern und Interessierten in diversen jagdlichen Bereichen – von A wie Ansitz an Schadflächen bis Z wie Zerwirken von Wild. Blattzeit-Redakteur Sebastian Kapuhs hat mit den Entwicklern über die technische Umsetzung und bisherige Erfolge gesprochen.
Hunter2Hunt: Die kostenlose digitale Plattform für moderne Jäger
Eine praxisorientierte App die von zwei Jungen Jägern aus Niedersachsen ins Leben gerufen wurde. Gegründet wurde H2H im November 2024 vom Jagdschulinhaber Stefan Heilmann und dem ehemaligen Jagdschüler Philipp Klemmer. Die Beiden verfolgen das Ziel, die Jagdgemeinschaft digital zu verbinden und somit Jagden einfach und schnell anzubieten und zu finden.
In einer Zeit, in der Digitalisierung nahezu alle Lebensbereiche durchdringt, bleibt auch die Jagd nicht außen vor. Mit Hunter2Hunt (H2H) betritt ein innovatives Portal die Bühne, das sich zum Ziel gesetzt hat, Jäger, Jagdhelfer und Revierpächter effizient und unkompliziert zu vernetzen.
Auch Drohnenpiloten zur Kitzrettung oder Wildschadensaufnahme sowie Hundeführer zur Nachsuche oder Jagd können sich hier registrieren und sich zur Verfügung stellen. Weiterhin können Revierinhaber über Hunter2Hunt unkompliziert und schnell engagierte Jägerinnen und Jäger suchen und bietet diesen gleichzeitig die Chance einen Platz in der Jagdgemeinschaft zu finden.
Nutzer haben die Möglichkeit, Angebote für Begehungsscheine oder diverse Jagdmöglichkeiten (von Einzeljagd über Baujagd bis zur Krähenjagd) zu inserieren oder sich als Drohnenpiloten, Hundeführer oder Jagdhelfer registrieren. Dabei lässt sich festlegen, welche Tätigkeiten übernommen werden und in welchem Umkreis man einsatzbereit ist.
Hunter2Hunt präsentiert sich als moderne Lösung für die Herausforderungen der heutigen Jagdgemeinschaft. Die App ist kostenlos für Android und iOS verfügbar.
BlattZEIT: Moin Herr Heilmann und Herr Klemmer, zuerst einmal herzlichen Glückwunsch zu der gelungenen App. Die Idee ist das eine, die technischen Kenntnisse zur Umsetzung das andere – Wie verlief der Entstehungsprozess von den ersten Gedanken bis zur finalen Anwendung?
Ich hatte schon länger die Idee, eine Lösung zu folgendem Problem zu finden:
Wer kennt das nicht – jemand hat mehrere Begehungsscheine, zahlt seine „Hegebeiträge“ und fährt nur zum Erlegen in die Reviere, aber wird er den damit verbundenen Pflichten auch gerecht?
Denn Jagd bedeutet weit mehr als nur das Erlegen von Wild. Sie umfasst Hege, Revierarbeiten, Fallenjagd und viele weitere Aufgaben – Aspekte, die in der Praxis oft zu kurz kommen.
Während des Jungjägerkurses im Winter 2023/2024 habe ich Philipp in unserer Jagdschule kennengelernt. In den darauffolgenden Gesprächen wurde schnell deutlich, dass die technische Umsetzung meiner Idee als App mit Philipp möglich ist.
Nach seiner bestandenen Jägerprüfung haben wir uns zusammengesetzt und begannen, erste Funktionen sowie das Layout zu entwerfen. Im Laufe der Entwicklung sind immer wieder neue Ideen und Bausteine hinzugekommen – ein Prozess, der die App Stück für Stück erweitert und verbessert hat. Pünktlich zu Ostern 2025 konnten wir schließlich nach einem Jahr Entwicklung live gehen – ein großer Meilenstein für uns beide.
BlattZEIT: Die Idee funktioniert nur, wenn sich gleichermaßen viele Anbieter und Interessenten registrieren – Wie viele Nutzer verzeichnen sie derzeit und wo soll die Reise zukünftig hingehen?
Unser Ziel ist klar: DIE Plattform rund um die Jagd
Eines der größten Herausforderungen innerhalb der App ist aktuell das Ungleichgewicht zwischen Jagdgesuchen und Jagdangeboten. Während in Rubriken wie Drohnen, Hunde, Helfer und Wildschadensgutachter bereits erste Anzeigen veröffentlicht wurden, überwiegen derzeit die Gesuche nach Jagdmöglichkeiten gegenüber den tatsächlich angebotenen Plätzen.
Wir möchten daher die Revierinhaber/ Pächter ermuntern, engagierten Jägerinnen und Jägern - die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv in die Revierarbeit einzubringen - einen festen Platz in der Jagdgemeinschaft zu ermöglichen.
Derzeit zählen wir rund 600 aktive Nutzerinnen und Nutzer – und täglich werden es mehr. Unser langfristiges Ziel: deutschlandweit präsent zu sein und DIE zentrale Plattform für alles rund um die Jagd zu werden.
BlattZEIT: Gibt es Pläne die App um weitere Funktionen zu erweitern?
Wir haben vor kurzem einen digitalen Marktplatz geschaffen, der mit nur wenigen Klicks zu bedienen ist. Unser Ziel war es, eine einfache, zentrale Lösung in einer App zu bieten, was bislang in unzähligen Jagdverkaufsgruppen ausgetauscht wurde.
Ein weiterer Baustein, den wir perspektivisch in die App integrieren möchten, sind Jagdreisen. Die Idee dazu steht bereits – allerdings haben wir uns bewusst entschieden, dieses Thema zunächst nachrangig zu behandeln.
Aktuell liegt unser Fokus ganz klar auf dem Ausbau der Plattform und dem gezielten Marketing, um eine größere Reichweite zu erzielen und noch mehr Jägerinnen und Jäger auf Hunter2Hunt aufmerksam zu machen. Erst wenn diese Basis solide steht, werden wir das Thema Jagdreisen intensiver verfolgen.
BlattZEIT: Haben Sie schon ein direktes Feedback von den Anwendern – also Jagdeinladungen mit erfolgreicher Strecke, eine Nachsuche auf das kranke Stück oder Unterstützung bei der Kitzrettung?
Wir haben bislang tolles Feedback erhalten – sowohl zur App selbst als auch zur dahinterstehenden Idee. Besonders aus dem direkten Umfeld kamen viele positive Rückmeldungen, was uns natürlich enorm motiviert hat.
Ein schönes erstes Ergebnis: Gegen Ende der Kitzrettungssaison konnten bereits zwei Drohneneinsätze erfolgreich über die App organisiert und durchgeführt werden. Das zeigt, dass die Plattform nicht nur theoretisch funktioniert, sondern auch in der Praxis echten Mehrwert bietet – für Jäger, Helfer und letztlich auch für das Wild.
Waldfleisch-App: Wildfleisch aus der Region anbieten und kaufen
Mit dieser App können Feinschmecker das leckere Fleisch von Hirsch, Wildschwein, Reh und anderen artgerecht lebenden Wildarten direkt bei den Jägerinnen und Jägern aus der Region kaufen. Darüber hinaus bieten hier auch Forstämter und weitere Wild Verkaufsstellen Wildbraten, Wildgulasch und sonstige Wildspezialitäten zum Kauf an. Und natürlich können auch Sie zum Anbieter werden.
Die Waldfleisch App wurde von der Jägerschaft Verden initiiert. Mit Hilfe des Deutschen Jagdverbandes und der Landesjägerschaft Niedersachsen gelang es 2020 das Projekt über ein Innovationsförderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums zu finanzieren. Die App wurde am 15. April 2021 veröffentlicht. Inzwischen wurde sie bereits auf etwa einer halben Million Geräten installiert und ca. 11.000 Jäger haben sich auf der Plattform registriert. Etwa 10.000 Nutzer haben die App in den beiden App Stores von Google und Apple mit durchschnittlich 4,9 von 5 Sternen bewertet.
Neben dem Erwerb von Wildbret finden sich hier auch hunderte Wildrezepte der Kampagne „Wild-auf-Wild“ sowie Funktionen zur Digitalisierung und Organisierung der eigenen Wildbret-Bestände.
BlattZEIT: Moin Herr Luttmann, die App ist nun schon seit über vier Jahren erfolgreich auf dem Markt. Haben Sie mit einem derartigen Zulauf gerechnet?
Moin! Jein. Die Waldfleisch App ist ein zweiseitiger Marktplatz. Hier gibt es nur Erfolg oder Scheitern. Die meisten Versuche scheitern an der Lösung der Henne-Ei-Problematik: Wie bekommt man möglichst schnell eine kritische Masse an Anbietern und Käufern auf die Plattform, damit für die jeweils andere Seite überhaupt erst ein Mehrwert entsteht. Schafft man das nicht, kann man aufhören.
Gelingt es aber schnell auf beiden Seiten eine kritische Masse an Nutzern zu erreichen, verbleibt man aufgrund positiver Netzwerkeffekte in einer exponentiellen Wachstumsphase. In dieser befinden wir uns nun bereits seit mehreren Jahren. Wir werden jetzt voraussichtlich noch einige Zeit exponentiell wachsen, dann in eine lineare Wachstumsphase kommen, bis irgendwann eine Sättigung eintritt und das Wachstum abflacht. Das ist die übliche Entwicklung eines erfolgreichen zweiseitigen Marktplatzes. Wir stehen also erst am Anfang.
BlattZEIT: Worin liegt der Mehrwert einer App und warum reicht nicht einfach eine Website als Vermarktungsplatz?
Eine App bietet gegenüber einer Website zahlreiche Vorteile, die zu einer deutlich besseren Nutzerbindung und Nutzererfahrung führen. Die Entscheidung für eine App war aber nicht DER ausschlaggebende Grund für den Erfolg.
BlattZEIT: Was war der Grund für den Erfolg?
Viele Faktoren spielten eine Rolle. Es gab noch keine etablierte Plattform, die Absatzprobleme in der Corona-Zeit motivierten Jäger etwas Neues zu probieren, durch die Förderung vom Bundeswirtschaftsministerium und unserem Sponsor Frankonia stand ausreichend Geld zur Verfügung und nicht zuletzt half uns natürlich die Unterstützung von DJV, LJN und später weiteren Landesjagdverbänden. Wir haben in einem Projekt an der Universität Bremen nicht nur zusammen mit niedersächsischen Jägern und Verbrauchern eine genau auf die regionale Wildbret-Direktvermarktung optimierte Vermarktungsapp entwickelt, sondern haben uns auch intensiv damit auseinandergesetzt warum digitale, zweiseitige Marktplätze generell so oft scheitern und woran bisherige Versuche die Wildbret-Direktvermarktung durch eine digitale Plattform zu unterstützen, gescheitert sind. Wir waren also sehr gut vorbereitet, haben den richtigen Zeitpunkt erwischt und hatten die richtigen Partner an unserer Seite.
BlattZEIT: Wie hat sich der Arbeitsaufwand für Sie seither verändert? Gibt es Pläne die App um weitere Funktionen zu erweitern?
Auch wenn unser Markenname inzwischen sehr bekannt ist und immer mehr Menschen gezielt nach der Waldfleisch App suchen, investieren wir weiter sehr viel Zeit in die Akquise neuer Nutzer. Bei der hohen Anzahl an Nutzern nimmt außerdem die Bearbeitung von E-Mails und Anrufen immer mehr Zeit in Anspruch. Es wird aber auch weiterhin jede freie Minute genutzt, um die Waldfleisch App um weitere Funktionen zu erweitern. Außerdem arbeiten wir daran das Erfolgsmodell der Waldfleisch App auf weitere Produkte zu übertragen.
BlattZEIT: Nutzen Sie die App selbst?
Ich nutze die App als Käufer, da ich mein Wildfleisch nahezu vollständig über meinen Vater beziehe, von dem die Idee zur App kam. Er verwaltet natürlich seine kompletten Bestände über die App.
BlattZEIT: Was können Sie über die Zusammensetzung der Nutzer sagen?
Ich höre immer wieder von begeisterten Jägern, dass erstaunlich viele junge Menschen über die App Wildfleisch bestellen. Darunter sind viele, die zum ersten Mal Wildfleisch kaufen. Die App funktioniert natürlich dort am besten, wo es viele Menschen gibt: In den Großstädten. Also dort wo der Anteil an Menschen mit Vorurteilen gegenüber der Jagd aufgrund fehlender Berührungspunkte oft noch recht hoch ist. Die Eigenschaften von Wildfleisch treffen genau den Zeitgeist. Das Fleisch kommt aus der Region, die Tiere hatten ein artgerechtes Leben, es ist nachhaltig und nicht zuletzt ist Wildfleisch gesund und lecker. Getreu dem Motto „Liebe geht durch den Magen“ ist Wildfleisch der perfekte Türöffner um Vorurteile abzubauen und über die Jagd aufzuklären.
Sebastian Kapuhs