Seehunde – Wappentiere des Niedersächsischen Wattenmeers
Setzzeit an den Stränden von Borkum & Co.
Die Zeit der nächtlichen und frühmorgendlichen Einsätze zur Wildtierrettung vor der Mahd ist soeben vorüber. Knapp zwei Monate galt es Kitze, Junghasen und Gelege vor dem Mähwerk in Sicherheit zu bringen. Und nun, im Juni kommen bereits die nächsten Jungtiere einer wildlebenden Säugetierart zur Welt – die Seehunde. Normalerweise brauchen die Hunds- robben keine menschliche Hilfe. Wurde ein Seehundwelpe jedoch kurz nach der Geburt – meist innerhalb der ersten 48 Stunden – von der Mutter getrennt und daher seit längerem nicht mehr gesäugt, heult es vor Hunger um mit dem Alttier Kontakt aufzunehmen. Ein fachkundiges Eingreifen ist nun an Fundorten mit hohem menschlichen Störungspotenzial erforderlich.
In fast allen Bundesländern stehen aktuell die Sommerferien an. Während die Ricke ihr Kitz gut versteckt im hohen Gras ablegt, so wählt die Robbe mitunter den nahliegenden Strand,
ist es ja quasi ihr Wohnzimmer. Das dieser nun mehr denn je zum Teil auch beliebter Badestrand ist, mag in den frühen Morgenstunden noch nicht ersichtlich sein. Abgelegt verweilt das Jungtier während das Muttertier auf Fischfang geht. Im Laufe des Tages kann die Zahl der Erholungssuchenden jedoch zur Barriere zwischen Mut- ter- und Jungtier werden. Der Stress für das Jungtier durch Selfie-Gierige, Streicheln durch Menschen mit falsch verstandener Tierliebe und gleichzeitig mangelhaften wildbiologischen Kenntnissen oder durch freilaufende Hunde ist immens.
Wattenjagdaufseher auf Borkum
Häufig erfolgen die Störungen im Wattenmeer unbedacht, zum Beispiel durch Wattwanderer ohne Wattführer, Wassersportler oder tief fliegende Flugzeuge. In der Regel kehrt die Seehundmutter zu ihrem Jungtier zurück. Bei starker Störung lässt sie es letztlich zurück oder verliert den Kontakt. Ebenso können starke Wetterereignisse wie Sommergewitter oder Sturmfluten zu einer Trennung führen, das laute, mitleiderregende Geheul bringt sie oftmals wieder zusammen. Hier kommen die über 100 ehrenamtlichen Wattenjagdaufseher ins Spiel: Aufgrund ihrer fachlichen Expertise entscheiden sie ob die Seehundwelpen Hilfe benötigen und verbringen sie dann in die Seehundstation Norddeich.
An vielen Stränden der Nordseeinseln finden sich Informationstafeln, die
über die rastenden Robben informie- ren und eindringlich darauf hinweisen Abstand zu halten und die Tiere nicht anzufassen. Ähnlich wie Rehkitze am Wegesrand, wirken die jungen Heuler schutzlos und hilfesuchend. Die großen, kugelrunden Augen und das weiche Fell haben sicherlich auch ihre besondere Wirkung auf die Urlauber. In unserer Videoreportage begleitet Blattzeit-Redakteur Sebastian Kapuhs die Wattenjagdaufseher Christian Fink und Jonny Böhm mit der Kamera auf Borkum. Die zwei Jäger sind nun im Dauereinsatz und gehen zahlreichen, telefonischen Hinweisen nach.
Die Aufgabe von Fink und Böhm ist dabei nicht nur die Rettung der Jungtiere, sondern auch ein Aufklären und Vermitteln - insbesondere den Urlaubern diese besondere Natur- und Tierwelt des niedersächsischen Wattenmeeres zu erklären und sie für deren Abläufe zu sensibilisieren. Den Ablauf vom Anruf über den Fund eines Heulers bis zum Verbringen in die Seehundstation sehen Sie im Video.
Sebastian Kapuhs
Seehundstation Norddeich
…ist die landesweit einzigartige Betreuungsstation für Meeressäuger. Hier werden jährlich über 100 mutterlose, verletzte oder kranke Seehunde und vermehrt auch Kegelrobben, versorgt und für die Auswilderung vorbereitet. In der naturnah gestalteten Beckenanlage können Besucher die Seehunde durch große, verspiegelte Panoramascheiben auf Liegeflächen, im Wasser und durch große Unterwasserscheiben sogar unter Wasser beobachten. Die Seehundstation finanziert sich maßgeblich durch Spenden- und Eintrittsgelder.