Rebhuhn-Auswilderung bei Neuharlingersiel
Von der Feldhuhnstation an die Nordseeküste
Es ist Anfang September und die jungen Rebhühner der Feldhuhnstation wollen ausgewildert werden. Doch was ist in den vergangenen Monaten alles passiert? Die zweite reguläre Zuchtsaison in der Feldhuhnstation startete vielversprechend und ist nun nach dem Abschalten der Brutmaschinen als erfolgreich zu betrachten. Die Fortpflanzungsraten der Rebhuhnpaare waren jedoch sehr durchwachsen. Zwei Paare ohne ein einziges Ei und zwei Paare ohne befruchtete Eier haben zu einer mittelmäßigen Anzahl an Eiern mit einer insgesamt durchschnittlichen Befruchtung geführt. Die Schlupfrate von rund 87,5% hingegen ist unserer Meinung nach erfreulich.
Mit unseren Bemühungen autochthone Rebhühner zu vermehren, um sie in vielversprechenden Revieren Niedersachsens wieder auszuwildern, werden wir den Rückgang dieser faszinierenden Vogelart aber nicht aufhalten können. Darum waren auch in diesem Jahr Besuchergruppen aus Niedersachsen und Deutschland gerngesehene Gäste, um sich über die grundlegenden Lebensraumprobleme unserer Arten der Agrarlandschaft umfassend zu informieren. Von Grundschulklassen bis Seniorengruppen und vom Landwirt über den Jäger bis zum ornithologisch interessierten Bürger haben wir mit 27 Besuchergruppen die Gründe für den Rückgang des Rebhuhns und anderer Arten diskutiert. Unsere Hoffnung ist es, den Interessierten ausreichend Wissen mitzugeben, um in den Feldrevieren Niedersachsens Stück für Stück wieder bessere Lebensbedingungen für unsere Feldvögel zu schaffen.
In Revieren, in denen die Lebensbedingungen bereits zu einem hohen Maß verbessert wurden, konnten wir auch dieses Jahr wieder junge Rebhühner auswildern. Zu diesen verbesserten Lebensbedingungen zählen wir Blühflächen, eine abgesenkte Raubwilddichte und eine schonendere Randpflege. So sollte beispielsweise das Mulchen von Saumstrukturen und Brachflächen idealerweise erst ab Mitte August erfolgen.
In zwei Revieren, in denen letztes Jahr erstmalig Rebhühner ausgewildert wurden und in zwei Revieren, in denen dieses Jahr erstmalig ausgewildert wurde, wurden insgesamt über 90 Jungrebhühner über Auswilderungsvolieren in einen aufgewerteten Lebensraum entlassen. In den beiden Revieren mit vorjähriger Auswilderung wurden zudem bisher drei erfolgreiche Naturbruten bestätigt. In einem der Reviere gelang es mithilfe einer Drohne die Henne während der Brutphase auf dem Nest ausfindig zu machen und ab diesem Moment regelmäßig zu verfolgen. Am 27.06.24 waren 19 Küken aus 19 Eiern geschlüpft, die bis zu ihrem zehnten Lebenstag vollzählig blieben, bei einem Starkregen auf 16 Küken dezimiert wurden und dann nach und nach auf insgesamt noch 13 junge Rebhühner zurückgingen. Eine Erkenntnis aus dieser erfolgreichen Brut: Mehrjährige Blüh- und Brachflächen sind für Rebhühner eine enorme Bereicherung. Die ersten Lebenswochen hielten sie sich ausschließlich in der Brachfläche mit reichlich Insekten auf.
Um zu verstehen wie wichtig breite Blühflächen sind, versetzen wir uns einmal in das Rebhuhnpaar: Während der Legephase muss mindestens 19 Tage lang täglich das Nest zur Eiablage aufgesucht werden. Danach folgt eine 24-tägige Brutphase, in welcher das Nest täglich zur Nahrungssuche verlassen wird. In einer breiten Fläche mit vielen energiereichen Insekten reichen kurze Brutpausen und kurze Wege. Muss hingegen an einem kargen Graben gebrütet werden, weil keine anderen Flächen mit Deckung bei Legebeginn Anfang Mai zur Verfügung standen, muss die Henne weite Wege zurücklegen und das vor allem dort, wo auch das Raubwild läuft: am Randbereich. Es verwundert also nicht, dass wir erfolgreiche Brutversuche ausschließlich auf Flächen bestätigen konnten auf denen Deckung im Frühjahr und reichlich Insekten im Sommer zu finden sind.
Frank Roeles