Auswilderung - zur rechten Zeit am rechten Ort
Vor gut zwei Jahren hat die Landesjägerschaft Niedersachsen die Feldhuhnstation in Merzen in Betrieb genommen. Sie dient der Gensicherung und Aufzucht von autochthonen Feldhühnern, speziell des Rebhuhns, dessen Besatzrückgänge in den letzten Jahrzehnten dramatische Formen angenommen hat. Die Rebhühner aus der Feldhuhnstation werden dann alljährlich in Jungtierketten von etwa 10 Hühnern niedersachsenweit an Reviere abgegeben. Wie sich die Jägerinnen und Jäger in dieses Projekt einbringen und am Ende davon profitieren können, besprechen wir mit LJN-Präsidiumsmitglied Josef Schröer.
Blattzeit: Moin Herr Schröer, vielen Dank dass Sie sich für dieses Interview Zeit genommen haben. Die Auswilderung der Rebhühner aus der Feldhuhnstation ist gerade in vollem Gange. Wir würden gerne mit Ihnen die lang- und kurzfristigen Maßnahmen besprechen, die für eine solche Auswilderung von Nöten sind. Aber zuerst einmal: In was für einem Revier jagen Sie eigentlich und woher kommt Ihre Passion für unser Niederwild?
Schröer: Ich selber jage im Emsland, in einer der typischen "Bauernjagden" dieser traditionellen Niederwildregion. Direkt vor der Haustür, im eigenen Dorf. Sobald ich den Jagdschein machen durfte bin ich also auch in die Jagdgemeinschaft aufgenommen worden - und habe die guten Niederwildzeiten mit starken Rebhuhn, Fasan, Hasen und Kaninchenstrecken miterleben dürfen. Im Laufe der Jahre habe ich dann aber auch den Rückgang der Bestände begleitet, bis schließlich ein Punkt erreicht wurde, an dem wir festgestellt haben, dass es so nicht weitergehen kann und wir unser Niederwild, aber auch die anderen wildlebenden Tierarten unterstützen müssen.
Blattzeit: Sie sind selbst sehr aktiv in ihrem Revier. Welche einfachen Maßnahmen sollten Ihrer Meinung nach in jedem Niederwild-Revier getätigt werden, um die Habitate für Niederwild & Insekten zu verbessern. Maßnahmen, die vielleicht auch ohne schweres Gerät und großen finanziellen Aufwand zu stemmen sind?
Schröer: Das schöne an der Niederwildhege ist, dass erste Erfolge auch ohne großen finanziellen Aufwand erreichbar sind. Nach dem Motto "Schöner wohnen allein reicht nicht" kann ich nur immer wieder betonen, wie wichtig eine intensive Bejagung der Beutegreifer ist. Eine Büchse ist in nahezu jedem Jägerhaushalt vorhanden und die Jagd beispielsweise am Luderplatz kann große Erfolge bereiten. Wir stellen jedoch auch fest, dass Betonrohrfallen weitaus effektiver sind, denn sie jagen 24/7, der berufstätige Jäger hat es da schwerer. Wird dann auch am Habitat gearbeitet und Hecken zurückgeschnitten oder bringen die Landwirte eine ohnehin schwer zu bewirtschaftende Restfläche in ein Blühstreifenprogramm sind wichtige erste Schritte getan.
Rebhühner brauchen in ihrem Lebensraum einen vielfältigen Wechsel zwischen Versteckmöglichkeiten und lichten Bodenstellen. Strukturreiche Blühflächen, zum Beispiel, bilden beides ab und sind zudem auch seine sehr gute Nahrungsquelle. Dann das Thema Prädation: Ein intensive Bejagung der Beutegreifer ist unerlässlich – das schon geflügelte Wort in diesem Zusammenhang “Schöner wohnen allein reicht nicht” kommt nicht von ungefähr und ist wichtiger denn je.
Blattzeit: Die Fallen sind fängisch, der Luderplatz beschickt und die ansässigen Jägerinnen und Jäger motiviert. Das Habitat verbessert sich zusehends und nun sollen auch wieder Rebhühner ins Revier einziehen. Unter welchen Voraussetzungen kann ich an dem Auswilderungsprojekt der LJN teilnehmen?
Schröer: Grundsätzlich muss im Revier natürlich das Habitat stimmen und auch bereits ein erfolgreiches Prädationsmanagement installiert sein, mit einer entsprechenden Falleninfrastruktur. Nur wenn beides vorhanden ist und ineinandergreift, wird eine Auswilderung dauerhaft von Erfolg gekrönt sein. Unser Leiter der Feldhuhnstation, Frank Roeles, hat zudem einen Kriterienkatalog wonach er die Reviere auswählt, die sich beworben haben und er nimmt diese auch nicht selten gern persönlich vorab in Augenschein. Das hat den Vorteil, dass man bei einer solchen Ortsbegehung auch noch Wissen austauscht und den einen oder anderen zusätzlichen Tipp hat Herr Roeles immer parat. Auch erwarten wir von den Revieren, dass sie begleitend die Resultate der Auswilderung dokumentieren, beispielsweise durch das regelmäßige verhören mittels Klangatrappen.
Blattzeit: Speziell das Rebhuhn benötigt einen abwechslungsreichen Lebensraum - Können Sie genauer definieren was einen solchen Lebensraum ausmacht und muss dieses Areal zusammenhängend und von bestimmter Größe sein?
Schröer: Rebhühner sind typische Feldhühner, sie meiden den Wald und verbringen auch die Nacht in Deckung am Boden in der Feldflur. Das heißt ihr Lebensraum ist die Agrarkulturlandschaft – hier benötigen sie eine strukturreiche Vegetation: nicht zu große Feldschläge, unkrautreiche Feldraine und Wegränder, Altgrasstreifen, Brachen, niedrige Gebüsche und Hecken und Grenzlinien aller Art. Der früher noch viel stärker verbreitete Hackfruchtanbau (Kartoffeln, Rüben) bietet sehr gute Bedingungen – Deckung und Schutz vor Witterung und Feinden. In einer optimalen Gestaltung wechseln sich diese verschiedenen Lebensräume im Revier ab und sind durch Grenzlinien miteinander verbunden.
Blattzeit: Stichwort Prädationsdruck - das Rebhuhn ist nicht nur den Fressfeinden am Boden ausgesetzt. Worauf ist am Auswilderungs-Standort zu achten, dass Beutegreifer aus der Luft nicht allzu einfach zum Erfolg kommen?
Schröer: Unserer Revierinhaber kennen ihre Reviere sehr genau und kennen grundsätzlich die Standorte die in Frage kommen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist sicherlich, dass der Auswilderungsstandort so gewählt wird, dass es nicht die klassischen „Sitzwarte“, auf denen die gefiederten Beutegreifer auf ihre Beute warten, in der direkten Umgebung gibt. Ein gut gewählter Standort bietet zudem natürlich auch ausreichend Möglichkeiten für die Rebhühner, Deckung und Nahrung zu finden.
Es ist gewiss viel Einsatz und Zeit von Nöten, am Ende belohnen aber die Erfolge alle Anstrengungen – spätestens wenn man wieder die ersten Rebhuhnketten im Revier sieht oder die einzelnen Tiere verhöhren kann, sind die vergessen. Ich kann aber auch motivieren: Insbesondere der Feldhase reagiert sehr dankbar auf Maßnahmen und wachsende Bestände können bereits im Folgejahr beobachtet werden, dann heißt es dran bleiben und weitermachen!
Sebastian Kapuhs