Rotwild als heilige Kuh?
Im Interview mit Forstamtsrat a. D. Frank Dahlem
Rotwild imponiert nicht nur uns Jägerinnen und Jägern, es übt auch auf Nichtjäger einen besonderen Reiz aus. Die Hirsche prahlen mit beeindruckendem Geweih, sind die größte Wildart Deutschlands und das Brunftverhalten sorgt für magische Erlebnisse. BLATTZEIT-Chefredakteur Wulf-Heiner Kummetz hat sich mit dem ausgewiesenen Rotwild-Experten Frank Dahlem ausgetauscht. Den Forstamtsrat a.D. hat es schon zu Kindeszeiten in den Bann dieser Hochwildart gezogen. Insbesondere seine Erfahrungen in der Rotwildhege sind mittlerweile recht umfangreich. Sein großer Erfahrungsschatz als jahrzehntelanger Nachsuchenführer hat enorm zu seinem Fachwissen beigetragen.
BLATTZEIT:Lieber Herr Dahlem, wenn Sie von Rotwild erzählen, kommen Sie aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Was ist das Spannende an der Rotwildhege?
Frank Dahlem:Ich versuche es mal bildlich zu beschreiben. Es ist der Moment, wenn Nebel aufsteigt und zwischen spinnweben- und taubedeckten Gräsern das Rotwild aus dem Unterholz zieht. Das Rotwild ist eine extrem faszinierende Wildart, gerade die Brunft ist spannend und schön. Allein die Akustik, wenn Hirsche schreien, ist unbeschreiblich. Da es sich um eine extrem sensible Wildart handelt, verschmerzt sie auch den kleinsten Fehler nicht.
Thema Nachtsichttechnik in Rotwildrevieren; Was halten Sie davon, auch vor dem Hintergrund, dass Rotwild von Haus aus eigentlich tagaktiv ist? Ist die Jagd mit der neuen Technik noch waidgerecht?
In dem von mir bewirtschafteten Revier ist die Nachtjagd generell verboten. Das ist, glaube ich, eine der besten Maßnahmen, das Rotwild wieder tagaktiv zu bekommen. Wenn Sie morgens ins Revier kommen und drei bis vier Hirsche um Sie herum ihre Brunftrufe ausstoßen, ist das schon sehr besonders. In den reinen Rotwildgebieten sollte die Nachtjagd generell ruhen. Ausnahmen kann man bei Schadflächen machen. Auch das Schwarzwild wird so wieder tagaktiv. Aus Sicht als Schweißhundeführer sehe ich die Nachtsichttechnik sehr kritisch. Die Leute schießen nicht besser, schießen aber schneller.
Das Rotwild wird auch als heilige Kuh bezeichnet. Wie stehen Sie dazu?
Rotwild verdirbt den Charakter, so sagen einige Leute – das sagen aber meistens nur die, die kein Rotwild in ihrem Revier haben. Im Klosterkammer-Forstbetrieb werden Fehlabschüsse hart geahndet. Auch wenn die Forsten ein Interesse an intensiver Bejagung haben, werden Fehlabschüsse nicht toleriert. Sicher ist es auch von wirtschaftlichem Interesse, Hirschabschüsse zu verkaufen, dabei soll das Rotwild weiter gehegt und nicht ausgerottet werden. Das sinnvolle Ergebnis dieser Rotwildhege sollte „Wald und Wild“ sein.
Wie schaut die Bestandsdichte in Niedersachsen aus? Gibt es regionale und strukturelle Unterschiede in Form von Wildbret und Geweihausbildung?
Man kann die Rotwildhege und Bestandsdichte auf die Spitze treiben. 2011 gab es daher eine behördlich angeordnete Jagd auf Rotwild im Landkreis Celle, da der Bestand überhandgenommen hatte. Die Haupteinstände in Niedersachsen sind die Heide und der Harz, weitere kleine Bestände gibt es im Weserbergland und in Großer Deister.
Wie stehen Sie zur Alttier-Bejagung während der Brunft und was würden Sie als erfahrener Jäger anderen Rotwildjägern raten?
Alttier-Bejagung in der Brunft ist für mich ein absolutes „No-Go“. Bei der Kahlwild-Bejagung im August sollte stets die Doublette das Ziel sein, allerdings schieße ich im August kein geflecktes Kalb, dieses Stück kann ich bei aktiver Bejagung auch nach der Brunft erlegen. Die Doublette klappt nur, wenn Alttier und Kalb alleine kommen. Ein Hirsch, der einen Zacken zu viel hat, ist kein Problem, ein verwaistes Kalb hingegen wird vom Rudel gemobbt. Kälber ohne Tier leiden extrem und es ist ein Jammer, wenn man im Februar verwaiste Kälber sieht. Die kurze Schonzeit für das Rotwild finde ich übrigens generell problematisch.
Wie stehen Sie zur Kahlwildjagd nach der Brunft?
Ich bin gegen die Kahlwildjagd in der Brunft, es sei denn, dass es Bereiche gibt, wo man das Brunftrudel nicht stört. Nach der Brunft sollte man die Kahlwildjagd schon intensiv betreiben. Die Kahlwildjagd am Tag macht auch deshalb Freude, weil man das Wild sehr gut ansprechen kann.
Würden Sie Jagdleitern von Drückjagden dazu raten, auch Alttiere freizugeben?
Nein, dazu würde ich Jagdleitern nicht raten. Das Produzieren von Waisen ist das Schlimmste, was bei der Rotwildjagd passieren kann. Und das Risiko, ein falsches Stück zu schießen, ist viel zu groß. Auch als Schweißhundeführer betrachte ich die Jagd auf Alttiere bei Drückjagden sehr kritisch. Leider sehe ich auf Nachsuchen immer wieder viel Elend und falsche Abschüsse.
Wie sollten Revierleiter in Hinblick auf Bestandsdichte und Geschlechterverhältnis am besten regulierend eingreifen?
Vorausgesetzt, dass die Bestandsdichte zu hoch ist, kann man regulierend eingreifen, indem Alttiere geschossen werden. Dabei ist stets zu beachten, dass davor das Kalb geschossen wird. Unsere Herausforderung ist in diesem Zusammenhang der Wolf, der gerne Kälber reißt. Ich persönlich traue mich nicht, ein Alttier zu schießen. Es kommt oft vor, dass das Kalb versprengt ist, und das Risiko, ein Kalb zum Waisen zu machen, ist viel zu hoch.
Wie wirkt sich das Thema Wolf auf das Rotwild in Niedersachsen aus und wie beeinflusst der Wolf das Ziehverhalten des Rotwildes?
Das Wild kann genau einschätzen, ob der Wolf den Jagdmodus eingeschaltet hat oder nicht. Es gibt solche und solche Jahre. In meinem ehemaligen Revier war der Brunftbetrieb in diesem Jahr deutlich gestört. Tatsächlich hat sich das Wild, anders als anfänglich, an den Wolf gewöhnt und kann besser mit dem Räuber umgehen. Reaktion des Rotwildes auf den Wolf ist die Großrudelbildung, zudem haben die Rudel durch den Wolf am Ende weniger Kälber – das erschwert die Bejagung noch einmal mehr. Ich glaube, dass der Wolf auch dafür gesorgt hat, dass sich das Rotwild in Randreviere ausgebreitet hat, wo es früher nur Wechselwild war.
Thema Abschussplanung: Sollte man die Gegenwart des Wolfes bei der Planung berücksichtigen?
Meine Empfehlung ist es, das Thema Wolf unbedingt bei der Abschussplanung zu berücksichtigen. In Revieren mit Wölfen ist davon auszugehen, dass je nach Wolfsdichte eine erhebliche Menge an Kälbern erbeutet wird. Die Jährlingsbejagung im April/Mai sollte man auf jeden Fall einschränken. Im Herbst einen Spießer von 75 kg zu schießen ist für mich nicht erstrebenswert.
Haben Sie einen Tipp für die Reviergestaltung für Rotwild zur Vermeidung von Wildschäden?
Empfehlenswert sind immer die Anlage von Äsungsflächen und Wildruhezonen. Letztere erreicht man durch Besucherlenkung in den Revieren und Intervalljagden. Ruhe ist für Rotwild das Allerwichtigste. In diesem Zuge profitieren auch andere Wildarten massiv. Unter anderem wird das Schwarzwild wieder tagaktiver und vertrauter.
Wulf-Heiner Kummetz
Der Experte
Frank Dahlem ist 71 Jahre alt, hat seinen Jagdschein das erste Mal 1971 gelöst und ist von Haus aus Forstamtsrat a.D. Insgesamt war Dahlem 48 Jahre im Forstdienst und hat seit Kindesbeinen Erfahrung mit Rotwild sammeln können. Aufgewachsen in einem Rotwildrevier im Hundsrück, ist unser Rotwild-Experte seit 1983 auch begeisterter Schweißhundeführer. Es waren immer Hannoversche Schweißhunde, über die Jahre insgesamt acht Vierbeiner. Vor ein paar Wochen zog mit Hund Nummer neun ein weiterer Welpe ins Rudel ein und wird jetzt auf die Ausbildung vorbereitet.