Die Beizjagd
Ohne Vorbereitung zu Beginn der Jagdzeit geht hier nichts!
Die praktische Beizjagd ist eine der ältesten dokumentierten Jagdarten und wird in ihrer Ausprägung, mal abgesehen von einzelnen Utensilien und Gerätschaften, die nur der jetzigen Zeit entsprechen, noch genauso durchgeführt wie vor tausenden Jahren. Das Wichtigste bei dieser Jagdform ist der Umgang mit dem Beizvogel, der hier die bei der herkömmlichen Jagd gebräuchliche Schusswaffe ersetzt. Grundsätzlich ist dies auch der größte Unterschied zur herkömmlichen Jagd!
Da wir es mit lebenden Tieren zu tun haben, müssen diese das ganze Jahr umsorgt, ernährt und der Kontakt zu ihnen gehalten werden. Am Ende der letzten Jagdzeit befinden sich die Beizvögel in ihrer höchsten Kondition. Damit meint der Falkner das Gewicht des Beizvogels mit dem höchsten Anteil von Muskulatur im gesamten Jahresverlauf. Nach der Jagdzeit muss der Beizvogel aus dieser hohen jagdlichen Kondition wie ein Hochleistungssportler erst einmal wieder langsam abtrainiert werden, um sonst möglicherweise auftretende Stoffwechselerkrankungen zu vermeiden.
Je nach Art des Beizvogels, beispelsweise Steinadler oder Sperber, sind die Ansprüche der Vögel in dieser nun folgenden Jagdruhepause, in der das Wild Schonzeit hat und auch der Vogel seine Gefiedermauser durchführt, sehr unterschiedlich. So ein Vogel kann nicht einfach gesäubert und weggeschlossen werden, denn zwischen dem Falkner und dem Beizvogel muss ein auf Gegenseitigkeit bestehendes Vertrauensverhältnis bestehen. Ohne dieses Vertrauen wäre die Beizjagd nicht umsetzbar.
Mauser
Wie bereits erwähnt, absolvieren unsere Beizvögel ihre Mauser, die je nach Größe des Beizvogels zum Beispiel beim Steinadler über mehrere Jahre andauern kann oder im Gegensatz dazu beim Sperber in einem Jahr (in den Sommermonaten) in Gänze erfolgt. Je nachdem, welchen Vogel man als Beizvogel nutzt, muss man sich also auf große Unterschiede einstellen. Der Falkner sorgt während der Mauser für eine möglichst störungsarme und stressfreie Unterbringung, um eine ungestörte Gefiedermauser zu gewährleisten, denn nur ein top ausgebildetes Gefieder ermöglicht anschließend auch top Chancen bei der Jagd. Unsere Beizvögel haben am Ende der Jagdzeit, wie übrigens die Wildvögel auch, ein teilweise stark verschlissenes Gefieder, das erneuert werden muss.
Nur wenn der Beizvogel ein top Gefieder nach der Mauser hat, ist er in der Lage, seine Beutetiere in der Natur zu erbeuten. Aus diesem Grund sind gute Atzung und stressfreie Unterbringung in dieser Zeit ein Muss.
Trainingsprogramm
Am Ende der Mauser, kurz vor Aufgang der Jagd, nimmt der Falkner seinen Vogel aus der Mauserkammer, stellt ihn auf eine Waage (vor dem Atzen) und ermittelt das aktuelle Gewicht seines Vogels. Das Gewicht ist nämlich die wichtigste Orientierungshilfe für das nun anstehende Training. Während der Mauser hat der Vogel einen Großteil seiner in der vergangenen Jagdzeit aufgebauten Muskulatur ab- und Fettgewebe aufgebaut. Nur ein gut trainierter, gesunder und hochmotivierter Beizvogel ist in der Lage, gesundes Beutewild zu fangen.
Je nachdem, ob es sich bei dem eingesetzten Beizvogel um einen Vogeljäger oder um einen Säugetierjäger handelt, muss ein individuell angepasstes Trainingsprogramm umgesetzt werden. Beim Vogeljäger, so wie beispielsweise dem Falken, kommt das Federspiel zum Einsatz. Es handelt sich hierbei um eine aus Leder gefertigte Beuteattrappe, wo an den angedeuteten Flügeln die echten Flügel des Beutetieres angebracht sind. Zur weiteren positiven Reizverstärkung wird auf dem Rücken des Federspiels Atzung festgebunden und das Federspiel in der Luft dem anjagenden Vogel durch gekonnte Bewegungen des Falkners wieder entzogen. Am Ende eines jeden Durchganges lässt man den Beizvogel die Attrappe mitsamt der Atzung schlagen, die er dann atzen kann, was zusammen mit dem Jagderfolg eine weitere positive Reizverstärkung darstellt.
Bei einem Grifftöter, wie einem Habicht oder Adler erfolgt das Training nicht mit einem Federspiel, sondern mit einem Balg, der aus einer beutetierähnlichen Attrappe, die mit dem Fell seines Hauptbeutetieres umwickelt ist und vom Falkner gezogen wird. Für dieses Ziehen werden teilweise Hasenzugmaschinen aus dem Hunderennsport eingesetzt, die eine Geschwindigkeit von etwa 70-80 km/h erreichen. Auf dem Balg ist wie auf dem Federspiel Atzung festgebunden, die der Vogel, wenn er den Balg schlägt, als Belohnung erhält.
Teamarbeit
Während des Trainings muss der Falkner permanent das Gewicht des Vogels im Auge haben, denn ein Vogel erhält eine gute Kondition nicht durch Hungern oder das Anlegen von Fettpolstern, sondern durch in Qualität und Menge dem Trainingszustand angepasste Atzung. Den Trainingszustand bzw. die Beutefangbereitschaft beeinflussen aber maßgeblich auch Faktoren wie die Außentemperatur und das Wetter (Wind und Regen), die wir nicht kontrollieren können.
Am Ende des Trainings, im besten Falle kurz vor Aufgang der Jagdzeit des Beutewildes, hat der Falkner, wenn er alles richtig gemacht hat, einen gut trainierten Beizvogel, der in der Lage ist, das Wild zu erbeuten.
Ein Aspekt wurde bisher nicht beleuchtet, denn die Jagd mit dem Beizvogel erfordert in aller Regel noch einen weiteren Helfer, nämlich den Jagdhund. Der Jagdhund, der bei der Beizjagd zum Einsatz kommt, muss einige Punkte erfüllen, die der normale Jagdgebrauchshund nicht in der Intensität erfüllen muss, obwohl es sich in beiden Fällen um die gleiche Hunderasse handeln kann. Es ist unerlässlich, dass sich Hund und Beizvogel vertrauen. Bei der Beizjagd muss der Hund nicht nur den Menschen, sondern auch noch den Vogel im Auge behalten und dessen Verhalten immer richtig deuten. Der Hund sucht, steht vor, der Vogel reagiert darauf und der Hund handelt dann auf Kommando seines Herrn und der Vogel kann dann die fliehende Beute anjagen. Wenn der Vogel nun das Beutetier geschlagen hat, darf der Hund nicht wie sonst im jagdlichen Einsatz üblich und gewünscht das Beutetier apportieren, sondern er sollte sich in einigem Abstand vom Vogel mit seiner Beute ablegen und auf den Falkner warten, denn würde sich der Hund dem Vogel zu sehr nähern, dann könnte dieser es so verstehen, dass der Hund ihm die Beute entreißen möchte. Um diesen Ablauf nach der Jagdruhepause wieder sicherzustellen, was gerade bei großen Beizvögeln sehr wichtig ist, muss der Hund auch beim Training schon dabei sein. Beachtet der Hund das zuvor geschilderte Verhalten nicht oder der Falkner gibt falsche Kommandos, so kann dies zu erheblichen Verletzungen beim Hund oder dem Vogel führen. Wenn man als Falkner alles gut organisiert, seinen Vogel gut trainiert hat sowie Hund und Vogel sich gut verstehen, dann kann man mit beiden unvergessliche Beizjagden erleben.
Bernd Reichelt
Der Experte
Bernd Reichelt - Nach dem Forststudium in Göttingen folgte der Wechsel zur Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung in Bonn, unter anderem mit dem Sachgebiet Falknerei. Jäger- und Falknerprüfung 1990 in Niedersachsen. Von 2010 -2021 Mitglied der Falknerprüfungskommission des Landes Nordrhein-Westfalen und seit Mai 2004 Mitglied der Falknerprüfungskommission des Landes Niedersachsen. Seit dem beruflichen Wechsel zur Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. im Jahr 2017, Vorsitzender der Falknerprüfungskommission des Landes Niedersachsen. Hobbies sind Ornithologie und seit 2009 passionierter Falkner mit eigenem Vogel.