Die Nutria wird seit 2016 auf der EU-Liste der invasiven, gebietsfremden Tierarten geführt. Im Rahmen der Wildtiererfassung Niedersachsen (WTE) meldeten vor zwei Jahren 3.772 der niedersächsischen Reviere ein Vorkommen – das entspricht etwa 53%. Ein gewaltiger Anstieg seit dem ersten bestätigten Nachweis aus dem Jahr 1949. 

Als Reaktion auf die stetige Ausbreitungs- und Vermehrungstendenz hat das niedersächsische Landwirtschaftsministerium in einer Reihe von Schritten, die rechtlichen Regelungen zur Bejagung der Nutria erweitert: Im Jahr 2018 wurde unter anderem die Schonzeit aufgehoben, so dass Nutrias ganzjährig bejagt werden können. 

Insbesondere vor dem Hintergrund des Deichschutzes ist die ganzjährige Bejagung zweifelsohne erforderlich. Zeitgleich befinden wir uns momentan in der Brut- und Setzzeit, in der insbesondere Schilfgürtel und Uferbereiche sehr sensible Bereiche darstellen. Wie lassen sich Störungsarmut und straffe Bejagung auf einen Nenner bringen?

Hierzu haben wir Helmut Blauth und Tobias Rippen interviewt. Blauth ist stellvertretender Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen und zudem im Arten- und Naturschutz ehrenamtlich tätig. Revierinhaber Blauth wird unterstützt von dem passionierten Jäger Tobias Rippen. Beide sind insbesondere bei der Nutriabejagung und beim Prädationsmanagement sehr aktiv. 

Das Revier befindet sich am Stadtrand von Delmenhorst, zwischen den Gemeinden Stuhr und Delmenhorst. Es handelt sich um die Eigenjagd des Gut Dauelsberg mit einer Größe von 135 Hektar. 

Beschreiben Sie kurz ihr Revier!

Es handelt sich hier um ein typisches oldenburgisches Niederwildrevier mit zwei Gewässerläufen, Vorflutern und einzelnen Gräben. Der Fasan, der Feldhase, auch wieder das Kaninchen, sind häufig anzutreffen. Das Vorkommen des Rebhuhnes erfreut uns besonders. Das Gut Dauelsberg wird ökologisch bewirtschaftet und die Feldflur ist sehr strukturreich mit ausgewogenen Anteilen von Ackerland, Grünland, Wald, Gehölzstreifen und Gewässern. Unser Ziel ist es, die Biodiversität durch möglichst viele Handlungsfelder zu erhalten, auch zu verbessern, um nicht nur jagdbaren Arten eine gesicherte Zukunft zu geben.

Blauth und Rippen an einer der Fallen. Brücken sind oftmals exponierte Standorte.

Wann haben Sie erstmals Nutria in ihrem Revier nachgewiesen?

Das Vorkommen von Nutrias habe ich festgestellt, als eines Abends meine UK Hündin (Kurzhaariger Ungarischer Vorstehhund) Gea eine Auseinandersetzung mit einer starken Nutria auf dem Hofgelände hatte. Das ist jetzt etwa drei Jahre her. Die Verletzungen am Behang waren erheblich. 

Wie bejagen Sie die invasive Art und wie hat sich seither die Jagdstrecke entwickelt?

Wir haben nach diesem Vorfall sofort mit dem Lebendfang begonnen und zwei Fallen am Gewässer aufgestellt. Das Ergebnis war sehr überraschend. Fast täglich gab es eine Fangmeldung, obwohl vorher im Revier nichts dergleichen festzustellen war. 

Die Jagdstrecke hat sich steil nach oben bewegt. Auf einer Gewässerlänge von etwa zwei Kilometer wurden im vergangenen Jagdjahr 69 Nutria gefangen, im Jahr davor waren es 45 Nutrias. 

Die Bejagung erfolgt ausschließlich mit der Falle. Eingesetzt werden zwei Rohrfallen “Trapper-Neozoen” und eine Kastenfalle, ausgestattet mit elektronischen Fangmeldern. 

Machen Sie einen Unterschied bei der Bejagung in der Brut- und Setzzeit zum übrigen Jahr?

Die Fallen sind grundsätzlich 12 Monate im Jahr fängisch gestellt. Eine Rücksichtnahme in der Brut- und Setzzeit auf am Wasser brütende Arten erfolgt insofern, dass sensible Bereiche gemieden und die Fallen gegebenenfalls umgestellt werden. Eine Bejagung mit der Waffe führt zu unnötiger Beunruhigung und wird bei uns vermieden. Da die Nutria ganzjährig Nachwuchs setzt, legen wir jedoch keine Fangpause ein. Aufgrund der sehr hohen Vermehrungsrate wäre durch eine dreieinhalb-monatige Pause ein Absenken des Bestandes nicht möglich. Die Nutria bekommt im Jahr der Geburt bereits Nachwuchs und die milden Winter dezimieren die Bestände nicht mehr. Der Nachwuchs der Nutria ist bereits nach wenigen Lebenstagen ohne die Elterntiere gesichert.

Verwerten Sie die Tiere und muss bei der Verarbeitung etwas beachtet werden?

Die Verwertung aller erlegten Nutria ist bei dieser Anzahl von Fängen kaum möglich - insbesondere bei sehr kleinen Tieren. Einzelne Personen probieren das sehr schmackhafte Wildbret. Ebenso ist eine Verwertung des Balges im Winter möglich und wird zukünftig hoffentlich häufiger umgesetzt. 

Nutrias mit einem Gewicht von drei bis zehn Kilogramm stellen ein köstliches Wildbret dar. Entsprechend zubereitet schmeckt es sehr gut und erinnert an Kaninchenfleisch oder Geflügel. Eine Trichinenuntersuchung ist nicht erforderlich, aber ein Durchbraten von Keule und Rücken wird empfohlen. 

Wie die Nutria kreativ zubereitet werden kann, zeigt Blattzeit-Redakteur Sebastian Kapuhs im TV-Beitrag von WELT-Doku:

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Haben Sie ein paar Tipps für unsere Jungjäger: Was muss beim Aufstellen der Fallen beachtet werden - Welche Fallen sind geeignet - Was sind geeignete Standorte - Welche Köder kommen in Frage?

Wir stellen die Fallen grundsätzlich direkt am Gewässerrand, möglichst im Schatten und an ruhigen Wasserstellen auf. Besonders im Sommer sollte man darauf achten, dass der Zugang für die Nutria sichtbar und attraktiv bleibt und nicht zuwächst. Mit ein paar Apfelstückchen kann man die Attraktivität erhöhen. Wenn die Wipprohrfallen erstmalig im Revier aufgestellt werden, sollten sie mit einer erlegten Nutria und dem Bodenmaterial am Aufstellstandort verwittert werden. Die Nutria ist ein neugieriges Tier und am Anfang sehr leicht zu fangen. Apfelstückchen, Rüben und Maiskolben nehmen sie gerne auf. 

Nach etwa drei Jahren Erfahrungen beim Fang der Nutrias, kristallisiert sich eindeutig als Köder der Urin bzw. die Losung von frisch erlegten Nutria heraus. Sehr gerne angenommen wird die Duftmarke von Nutria, die auf der Suche nach einem neuen Revier sind. Sogar in neuen Fallen reicht diese einfache Methode aus und ein aufwendiges beschmieren mit Schlamm im Falleninnenraum ist dann überflüssig.

Eine Kastenfalle muss auf jeden Fall vollständig verblendet sein, die Nutria verhält sich im Regelfall in der Falle völlig ruhig. Bevor man die Fallenstandorte festlegt, sollte man am Gewässer eine vollständige Sichtkontrolle über bereits vorhandene Nutriabaue machen. Diese sind nicht zu übersehen und auch die Aus- und Einstiege am Böschungsrand sind sehr auffällig. Die Baue können mehrere Meter in die Böschung hineinragen, was für den Flächenbewirtschafter und die Unterhaltungsverbände nicht ungefährlich ist. Es hat dabei schon umgestürzte Fahrzeuge gegeben. Die Nutria wird mit einem Abfangkasten aus der Falle entnommen und mit der Kurzwaffe oder mit dem Kleinkaliber erlegt.

Gefangen mit der Rohrfalle "Trapper-Neozoen" - Quelle: Sebastian Kapuhs

Und noch eine abschließende Frage. Im Zuge der Europawahl äußerte sich die SPD kritisch in Bezug auf das Thema Fangjagd. So lehnte die Partei in einer ersten Stellungnahme die Bau- und Fallenjagd aus Tierschutzgründen komplett ab. Anhand der von Ihnen beschriebenen Bejagung, käme ein Fallenverbot zugleich einem Stillstand der Bejagung der invasiven Art gleich. Welche Möglichkeit sehen Sie, die Politik vom positiven Nutzen der Fallenjagd zu überzeugen?

Die ganzjährige Bejagung der Nutria ist eine „nationale Herausforderung“, zumindest hier im Nordwesten Niedersachsens. Wir haben hier teilweise ähnliche Voraussetzungen wie in den Niederlanden, die erhebliche finanzielle Aufwendungen in Millionenhöhe benötigen, um das Problem im Griff zu behalten. In welcher Sicherheitskategorie der Deichschutz, besonders auch im Binnenland, angesiedelt ist, hat dieser Winter gezeigt. Der Wasserverbandstag hat sich dazu eindeutig geäußert. Wir ehrenamtlichen Jäger stellen uns dieser Verantwortung, denn die Nutria ist jagdbares Wild. Die Gesellschaft sollte dankbar dafür sein, dass wir ehrenamtlichen Jäger diese Herausforderung angenommen haben. Das spart den Staat viel Geld, zumal es dafür überhaupt keine Berufsjäger in angemessener Anzahl gibt. Die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer ist gut, die Fangprämie von 6,-€/Nutria ist allerdings eher bescheiden, angesichts des enormen Aufwandes. Zusätzlich schädigt die Nutria sensible Schilfzonen und auch die Bachmuschel als Rote Liste Art. Die Bachmuschel kommt hier bei uns in der Delme als seltene und besonders schützenswerte Art vor.

Dass die Bundes-SPD in ihrer ersten Stellungnahme die Fangjagd generell verbieten wollte, hat zunächst eine Schockwirkung bei uns Jägern und Naturschützern ausgelöst. Die Antworten auf die Wahlprüfsteine zur Europawahl, die der DJV abgefragt hat, wurden durch die Bundes-SPD zwar inzwischen korrigiert, allerdings stehen die Aussagen dazu auf „wackeligen Füßen“. Zudem erfolgte diese Korrektur auch nur auf Intervention der LJN und den massiven Druck der niedersächsischen SPD-Abgeordneten. Ich hätte mir ein klares und deutliches Bekenntnis zur Fangjagd gewünscht. Nicht nur in der Bekämpfung von sog. Neozoen, sondern generell in der Regulierung von Beutegreifern. Bei einem Verbot der Fangjagd wären alle Wiesenvogelschutzprogramme und Feldvogelprogramme am Ende. Teile der Gesellschaft und auch einige Tierschutzverbände kennen offensichtlich nicht die Zusammenhänge. Es gibt Gewinner und Verlierer in unserer Kulturlandschaft. Invasive Arten und sog. Generalisten profitieren zusätzlich vom Klimawandel. Das regelt sich nicht von selbst in einer enorm veränderten Kulturlandschaft. Warum erkennen sie nicht, dass wir ebenso wie wir in einer sozialen Gesellschaft den benachteiligten Menschen helfen, wir auch den benachteiligten Tieren und Pflanzen helfen müssen: Prädationsmanagement ist eines der Handlungsfelder, dass den bedrohten Arten eine Zukunft geben kann. Das ist meine ideologiefreie Meinung, mein Praxiswissen. Es liegen etliche wissenschaftliche Studien darüber vor. Die Landesjägerschaft hat dazu eine Literaturstudie in Auftrag gegeben, die diese Tatsachen eindeutig belegen. Berufsjäger in Naturschutz- und Vogelschutzgebieten sind ebenso der Meinung, dass Prädationsmanagement ein wichtiges Handlungsfeld im Natur- und Artenschutz ist. Ich wünsche mir eine lernende ideologiefreie Politik, die mit uns darüber redet, bevor sie entscheidet.

Während es bei der Fallenjagd auf Beutegreifer wie Fuchs, Waschbär und Co. in erster Linie um Natur- und Artenschutz geht, kommt bei der Nutria der Küsten- bzw. Hochwasserschutz noch hinzu. Deshalb möchte ich alle Revierinhaberinnen und Revierinhaber ermutigen, sich dieser Aufgabe zu stellen. 

Speziell für die Nutria gilt: Haben Sie Gewässer im Revier, ist grundsätzlich von einem Besatz auszugehen. Die Nutria ist invasiv und ein Sicherheitsproblem in Bezug auf Deichschutz und Deichsicherheit in Niedersachsen. Die Politik muss uns für unsere Aufgaben verlässliche Rahmenbedingungen an die Hand geben, damit wir praxisnah und störungsfrei agieren können.

Das Interview führte

Sebastian Kapuhs

#goodtoknowVerbreitung

Nutrias haben sich in Deutschland etabliert. Da das verfügbare Lebensraumpotential noch lange nicht ausgeschöpft ist, erweitern sie ständig ihr Areal und dringen in bisher unbesiedelte Bereiche vor.

Die ersten schriftlichen Nachweise von Freilandvorkommen der Nutrias in Niedersachsen stammen aus dem Jahr 1949. In einem Stauteich zwischen Eimke und Linden wurden Nutrias ausgesetzt und hielten sich dort bis 1951. Mittlerweile sind Nutrias in vielen Bereichen Niedersachsens heimisch geworden. Die Ausbreitung schreitet fort: die folgenden Diagramme veranschaulichen die Entwicklung von 2017 bis 2022.

Weiterführende Informationen finden Sie HIER

  • Karte, Verbreitung Nutria
    Anteil der Reviere mit Vorkommen in Prozent (%) in den Gemeinden in Niedersachsen - Quelle: Wildtiererfassung Niedersachsen (WTE)
  • Karte, Verbreitung Nutria
    Anteil der Reviere mit Vorkommen in Prozent (%) in den Gemeinden in Niedersachsen - Quelle: Wildtiererfassung Niedersachsen (WTE)
Nutria, Neozoen, invasive Art
Quelle: Canva

Nutria - Bejagung einer invasiven Art

Wenn auch nicht flächendeckend vorhanden, so kennt wohl jeder Niedersachse das pelzige Wassertier, welches ursprünglich in Südamerika beheimatet war. Wir haben zwei passionierte Jäger zur invasiven Art befragt - insbesondere vor dem Hintergrund der Fangjagd.