Die stille Gefahr im Revier
„Hundemalarie“ auf dem Vormarsch
In den vergangenen Wochen häufen sich in der Tierklinik Lüneburg besorgniserregende Fälle: Immer wieder werden Hunde vorgestellt, die nicht mehr richtig fressen wollen, auffallend matt wirken und eine deutliche Abgeschlagenheit zeigen – begleitet von Fieber. Tierarzt Daron R. Remien berichtet, dass viele Tierhalter die ersten Anzeichen zunächst unterschätzen würden, da sie oft unspezifisch beginnen.
Auffällig seien jedoch insbesondere die Veränderungen der Schleimhäute. Diese präsentierten sich häufig blass – ein Hinweis auf eine mögliche Blutarmut – oder nähmen sogar eine gelbliche Färbung an, was auf eine bereits ausgeprägte Gelbsucht hindeute. Auch rötlich bis dunkelbraun verfärbter Urin werde teilweise beobachtet. Dieses Symptom sei besonders ernst zu nehmen, da es auf den Zerfall roter Blutkörperchen (Erythrozyten) hinweisen könne. In Kombination mit Fieber, Schwäche und teilweise beschleunigter Atmung ergebe sich ein klinisches Bild, das zunehmend den Verdacht auf eine Infektion mit Babesien lenke.
Bei der sogenannten Babesiose handelt es sich um eine durch Zecken übertragene Infektionskrankheit, die durch Einzeller verursacht wird. Diese befallen die roten Blutkörperchen des Hundes und zerstören sie, ähnlich wie Malaria Erkrankung beim Menschen. „In den Erythroyzten vermehren sich die Babesien und bringen diese quasi zum Platzen. Die austretenden Babesien befallen dann weitere rote Blutkörperchen“, erläutert Remien. Die Folge ist eine sogenannte hämolytische Anämie, die den Organismus vor allem den Sauerstofftransport in die Zellen stark belastet und unbehandelt schnell lebensbedrohlich werden kann. Zur Übertragung erklärt Remien, dass infizierte Zecken v.a. die Buntzecke oder auch Auwaldzecke genannt (Dermacentor reticulatus) durch den Zeckenstich Babesien überträgt. Es ist mittlerweile bekannt, dass sie kältetolerant sind und auch harte Winter überstehen können und als Winterzecken auch schon sehr früh im ausgehenden Winter auftreten können.
In der Region Nordost-Niedersachsen sowie in den angrenzenden Bundesländern werde aktuell eine deutliche Zunahme solcher Fälle festgestellt. „In den letzten Wochen sahen wir im Klinikbetrieb bestimmt 1-2 Fälle pro Woche, teilwiese mit intensiven stationärem Aufenthalt.“ Die Gründe hierfür seien vielfältig: Mildere Winter begünstigten die Ausbreitung von Zeckenpopulationen, aber auch die Zecken selbst sind kältetoleranter, während gleichzeitig die Mobilität von Haustieren – etwa durch Reisen – zunehme. Dadurch könnten sich Krankheitserreger schneller verbreiten und sich auch in Regionen etablieren, die zuvor als weniger betroffen galten.
Ein Teil der betroffenen Hunde zeige einen schweren Krankheitsverlauf. In solchen Fällen sei eine intensive tiermedizinische Betreuung erforderlich, häufig verbunden mit einem mehrtägigen stationären Aufenthalt in der Klinik. Remien berichtet, dass neben der Stabilisierung des Kreislaufs auch teilweise mehrere Bluttransfusionen notwendig werden könnten, um die massive Zerstörung von roten Blutkörperchen durch die Babesien entgegenzuwirken. Die Therapie selbst erfolge in der Regel medikamentös, wobei spezielle „Antiparasitenmittel“ (Antiprotozoika) eingesetzt würden, um die Erreger im Blut gezielt zu bekämpfen.
Die Diagnostik
…spielt eine entscheidende Rolle für den Behandlungserfolg. Bei Verdacht auf Babesiose werde zunächst eine umfassende Blutuntersuchung direkt in der Tierklinik durchgeführt. Dabei könnten erste Hinweise auf eine Anämie oder das Vorhandensein von Einzellern im Blut gewonnen werden. Zur Sicherung der Diagnose werde zusätzlich eine weiterführende Untersuchung in einem spezialisierten externen Labor veranlasst. Es erfolgt zum einen ein Blutausstrich, bei dem die Parasiten unter dem Mikroskop sichtbar gemacht werden können. Zum anderen kommen auch moderne molekularbiologische Verfahren zum Einsatz, insbesondere der Nachweis von Erreger-DNA mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR). Diese Methode ermögliche eine besonders empfindliche und spezifische Identifikation der Babesienstämme, auch in frühen Krankheitsstadien.
Angesichts der steigenden Fallzahlen gewinne auch die Prävention zunehmend an Bedeutung. Ein konsequenter ganzjähriger Zeckenschutz sei derzeit die wirksamste Maßnahme, um einer Infektion vorzubeugen. Jäger sollten sich und ihre Hunde regelmäßig nach dem Reviergang auf Zecken kontrollieren, sowie gefundene Zecken schnell entfernen. Außerdem gilt es regelmäßig geeignete Prophylaxemittel in Absprache mit dem Tierarzt einzusetzen, um Zeckenstiche zu verhindern. Remien betont zudem, dass es wichtig sei, bereits bei ersten Anzeichen wie Mattigkeit, Appetitlosigkeit oder Veränderungen der Schleimhäute frühzeitig tierärztlichen Rat einzuholen.
Hausmittel wie Teebaumöl oder Knoblauch Dragees oder ähnliches helfen bei Zecken nicht. Hunde die ständig in einer Teebaumölwolke leben, sind im Geruchssinn deutlich belastet und leiden. Auch hat Ballistol oder ähnliches Mittel nichts auf den Zeckenkörper verloren. Im Todeskampf geben die Zecken sehr häufig noch parasitäre Stadien ab.
Die aktuelle Entwicklung zeige deutlich: Die Babesiose sei längst keine seltene Reisekrankheit mehr, sondern habe sich in der Region fest etabliert. Umso wichtiger sei es, das Bewusstsein für diese Erkrankung zu schärfen – denn je früher sie erkannt und behandelt werde, desto besser seien die Heilungschancen für die vierbeinigen Jagdfreund.
Daron R. Remien