Politische Spitze
Über 460.000 Jagdscheininhaber in Deutschland
Hätte vor zwanzig Jahren jemand behauptet, dass wir in Deutschland irgendwann mal eine halbe Million Jagdscheininhaber haben werden, wäre diese Person sehr wahrscheinlich müde belächelt worden. Jagdliches Brauchtum galt seinerzeit als altbacken, Tradition wollte keiner mehr leben, vielerorts wurden diese Eckpfeiler der Jagd sogar im Rahmen der Jagdscheinausbildung gestrichen. Das klassische Bild des Jägers war der grauhaarige, bärtige Mann im Lodenmantel mit einem Dackel auf dem Arm. Ganz nebenbei: Auch der Dackel galt vor rund zwei Jahrzehnten als aussterbende „(Hunde)Rasse“.
Seit Ende vergangenen Jahres ist bekannt, dass in Deutschland mittlerweile rund 460.000 Menschen das grüne Abitur in der Tasche tragen. Vergleicht man diese Zahl mit denen aus den Jahren 1984/1985 mit damals rund 265.000 Jägerinnen und Jägern, wird sich dieser Wert bis 2030 möglicherweise verdoppelt haben. Der prozentual größte Anstieg der Naturkenner mit Examen ist zwischen den Jahren 2020 und heute entstanden. In diesem Zeitraum wuchs Deutschlands Lodenfraktion um über 60.000 Personen an.
Möglicherweise liegt die Ursache des Interesses an der Jagd an den Corona-Lockdowns. Jagd bedeutet ein Stück weit Freiheit, die Möglichkeit, selbst Entscheidungen in der Natur treffen zu können und einen direkten Zugang zu einem sehr hochwertigen Lebensmittel zu haben. Wer Pächter, Begeher oder Jagdgast ist, hat ein Betretungsrecht und darf die Natur mit all ihrer Schönheit mit einem ganz besonderen Auge wahrnehmen. Ein gleiches Phänomen beobachten übrigens auch die Angler-Verbände, die ebenfalls gute Zuwachsraten im gleichen Zeitraum verzeichnen konnten.
Zurück zum Ausgangsjahr 1984. Vor gut vierzig Jahren war die jagdbare Fläche in Deutschland bedeutend größer, dennoch hatten es Jungjäger damals sehr schwer, in Revieren Fuß zu fassen. An dieser Tatsache hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings sind die Reviere kleiner geworden, weil sie unter anderem dem Wohlstand und dem permanenten Wachstum unserer Industrienation zum Opfer fielen. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, als die Jagdverbände vor zwanzig Jahren Kampagnen installiert haben, um an Mitglieder zu kommen, aus damals berechtigter Angst vor dem demographischen Wandel. Heute muss die Lage neu bewertet werden. Die Jagdverbände haben extrem viele neue Mitglieder, es gilt, dass diese von den alten Hasen abgeholt werden. Denn die Krux an der Sache ist, dass es trotz wachsender Mitgliederzahlen in den Verbänden Personalnot im Ehrenamt gibt. Und während vor 40 Jahren das Mitglied mit den Traditionen gewachsen ist, viele von ihnen bereits als Kind den Opa oder Vater beim Weidwerken begleitet haben, stehen wir heute einer vollkommen neuen Generation Jägern gegenüber. Wenn wir diese besondere Chance nicht gemeinsam nutzen und die neue Generation der Jägerinnen und Jäger nicht abholen, kann es gut sein, dass es die Jagd, so wie wir momentan für sie werben und unsere gemeinsame Passion leben, in wenigen Jahren ein Auslaufmodell ist. Mit Blick auf die hochmoderne Technik bereitet mir dieser Gedankengang ein wenig Sorgen. Vielleicht sind diese Überlegungen aber auch vollkommen unbegründet. Denn sowohl Lodenmäntel, als auch Bärte sind wieder in Mode. Das gleiche gilt übrigens für den Dackel, der seit Jahren eine Renaissance erfährt. Wulf-Heiner Kummetz