Politische Spitze
# Künstliche Intelligenz
Wenn angehende Jungjäger vor den Kursen gefragt werden, warum sie das grüne Abitur erlangen wollen, sind die Antworten recht homogen. Vielen geht es um die Ruhe in der Natur, die Ursprünglichkeit, die Erweiterung des Naturverständnisses, den Naturschutz und am Ende um das Erlegen von Naturprodukten. Jahr für Jahr wächst unsere Jagdgesellschaft. Wer hätte vor 20 Jahren geglaubt, dass wir in Deutschland einmal über eine halbe Million Jagdscheininhaber haben würden? Und während der konservative Jäger noch immer versucht, den Nachwuchs mit jahrzehntealten Inhalten durch die Prüfung zu schleifen, entwickelt sich an anderer Stelle eine Parallelwelt, die mit den Dingen, die heute in der Ausbildung gelehrt und am Ende geprüft werden, kaum noch etwas gemein hat.
Denn längst hat die Industrie die "Künstliche Intelligenz" (KI) für sich entdeckt – frei nach dem Motto: Wir liefern das, wonach eigentlich nie jemand gesucht hat. Dennoch werden genau diese Dinge verkauft. Rückblickend war einst der Leuchtpunkt in Zielfernrohren oder bei offenen Visieren eine kleine Revolution, für einige gar der Gamechanger. Die Kritiker hielten dagegen noch Jahre an ihrem alten Vorkriegs-ZF fest, bei dem es keine Vergrößerungsmöglichkeit gab, das Absehen des Glases dafür jedoch den Wildkörper gut verdecken konnte.
Heute verfügt quasi jedes Zielfernrohr über eine Vergrößerungsmöglichkeit, was wahrlich nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun hat. Um das Jahr 2020 herum wendete sich das Blatt mit der Zulassung von Vorsatztechnik bei der Jagd in Deutschland – und genau diese Technik ist das Einfallstor der KI auf dem Hochsitz. Längst werben Drohnenfirmen damit, dass ihre Fluggeräte selbstständig aus der Luft erkennen, ob es sich bei den Wärmepunkten um Wildtiere handelt oder nicht. Im Bereich des Monitorings ist die Entwicklung von Wildkameras so weit fortgeschritten, dass die Geräte schon bald untereinander „over the air“ vernetzt sein werden. Bald wird die Technik das Geschlecht erkennen, das Alter der Stücke bestimmen und einen Hinweis geben, ob die Kreatur Jagdzeit hat oder nicht.
Selbstverständlich funktioniert genau diese Technik auch in Zielfernrohren. Die ersten Hersteller haben sich längst in Stellung gebracht und volldigitale Zielfernrohre auf den Markt gebracht, die nicht nur über eingebaute Entfernungsmesser verfügen, sondern mit künftigen Software-Updates auch Nachtsichttechnik implementieren werden (momentan ist diese Technik in Deutschland verboten). In wenigen Jahren wird die KI dem Jäger Entscheidungen abnehmen können und Abschussempfehlungen herausgeben, weil sie über weitaus mehr Wissen verfügt als derjenige, der hinter dem Zielfernrohr sitzt. Durch vernetzte Kameras wird der Jäger sich nicht mehr die Nächte um die Ohren schlagen und auf die Schwarzkittel warten müssen. Er geht einfach dann hinaus, wenn die KI meldet, dass die Rotte 2A in fünf Minuten an Punkt XY sein wird.
Dass die Jagd im Wandel ist, sollte längst jeder gemerkt haben. Was auf uns zurollen wird, verdrängen jedoch viele. Hier muss gegengesteuert werden. Nichts ist ursprünglicher als unsere Natur und die dort lebenden und uns anvertrauten Wildtiere. Wer die Natur nicht versteht, wer Wild nicht mehr selbst ansprechen kann, wer keine Fährtenbilder erkennt und Kreaturen nur noch über Wärmepunkte entdeckt, hat in unseren Revieren nichts zu suchen. Und doch wird es in nicht allzu langer Zeit so weit sein, dass genau diese Leute keine Fehlabschüsse mehr produzieren müssen, weil die Technik ihnen dabei zuverlässig helfen wird.
Im Umkehrschluss wäre denkbar, dass sich auch der Gesetzgeber die digitale Technik zunutze macht und den Jäger verpflichtet, einen Chip in seine Waffe einzusetzen, der den Abzug im Revier so lange über die KI blockiert, bis sichergestellt ist, dass es sich bei dem Stück im Absehen um die richtige Kreatur handelt. Tatsächlich wäre so auch eine vollständige Überwachung der Waffennutzung möglich – inklusive digitaler Bilder in Echtzeit auf den Servern der Behörden. Blackboxen gibt es im Pkw-Bereich bereits seit vielen Jahren, und sie werden regelmäßig bei Unfällen vor Gericht als Beweismittel herangezogen.
Wir alle sind aufgefordert, uns mit diesem Thema intensiv und kritisch auseinanderzusetzen. Vielleicht ist die Gier nach immer mehr Technik bereits zu weit gegangen, und man wird die Geister, die man rief, nicht mehr los. Bestimmt wäre es ein Ansatz, sich wieder auf die eigenen Sinne und nicht auf die künstliche Intelligenz zu verlassen und nach den Vorstellungen zu streben, die uns einst dazu bewogen haben, Jäger zu werden. Genau das hat doch über unzählige Jahre hinweg recht gut funktioniert.
Waidmannsheil
Wulf-Heiner Kummetz