„Das Wild kommt zum Jäger – und manchmal die Geschichte selbst“
Der Fund hätte leicht übersehen werden können: Auf einem alten Dielenboden, zwischen vergilbten Papieren und Staub, lag ein gerahmtes, handsigniertes Porträt von Hermann Löns aus dem Jahr 1908. Ein unscheinbares Stück Papier – und doch Auslöser einer grundsätzlichen Frage: Was machen wir heute aus dem Erbe eines Mannes, der Jagd, Naturbeobachtung und frühen Naturschutz untrennbar miteinander verband?
Ein alter Jäger sagte mir einmal: „Das Wild kommt zum Jäger.“ In diesem Moment bekommt der Satz eine zweite Bedeutung. Manchmal kommt eben nicht nur das Wild. Manchmal kommt die Geschichte – und stellt uns zur Rede.
Hermann Löns wird bis heute gern auf das Bild des „Heidedichters“ reduziert, auf Jagdlieder wie den „Wildbretschütz“. Das greift zu kurz. Löns war Journalist, präziser Naturbeobachter, leidenschaftlicher Jäger – und ein früher Vordenker ökologischen Denkens. Er bewegte sich zwischen Feder, Fernglas und seinem Drilling – eine Verbindung, die in der aktuellen Debatte um Jagd, Naturschutz und Öffentlichkeit zunehmend verloren geht.
Für Löns stand die Jagd nie isoliert. Sein oft zitierter Satz bringt es auf den Punkt: „Das Beste an der Jagd ist nicht der Schuss – es ist das freie Leben da draußen.“ Nicht die Strecke war entscheidend, sondern das Eintauchen in die Natur. Der Schuss war Abschluss, nicht Inhalt der Jagd. Freiheit bedeutete für ihn immer auch Verantwortung – gerade im Zeitalter digital inszenierter Jagdbilder wirkt diese Haltung erstaunlich modern. Löns war dabei keineswegs verklärt. Im Gegenteil: Er kritisierte „Jagdproleten“, „Aasjäger“ und unwaidgerechtes Verhalten scharf. Seine Ablehnung rein streckenorientierter Jagd sowie tierquälerischer Methoden ist gut dokumentiert. In einer Epoche, in der viele Arten pauschal als „Schädlinge“ galten, forderte er einen differenzierten Blick – etwa beim Eisvogel, dessen Schutzgedanke damals alles andere als selbstverständlich war.
Sein Denken ging dabei weit über Einzelbeobachtungen hinaus. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte er Gedanken, die wir heute unter Biodiversität und Nachhaltigkeit einordnen würden:
„Die Natur ist unser Jungbrunnen; schwächen wir sie, so schwächen wir uns, morden wir sie, so begehen wir Selbstmord."
Im Licht der heutigen Biodiversitätskrise wirken diese Worte fast prophetisch. Löns engagierte sich auch praktisch für den Erhalt der Lüneburger Heide und wurde zu einem prägenden Ideengeber für den Schutz dieser Kulturlandschaft.
Gerade für uns Jäger liegt hierin eine zentrale Botschaft. Löns dachte nicht in Gegensätzen. Nutzung und Schutz waren für ihn zwei Seiten derselben Verantwortung. Diese Verbindung droht verloren zu gehen, wenn Verantwortung ausgelagert wird: an Politik, Verbände, Ethikräte oder eine anonyme Öffentlichkeit. Denn eines hat sich grundlegend verändert: die Sichtbarkeit. Jeder Gang ins Revier, jedes Foto, jedes Video prägt heute das Bild der Jagd nach außen. Wo früher das persönliche Gespräch zählte, entscheidet heute die digitale Wirkung. Reißerische Clips dominieren die Wahrnehmung. Doch gerade hier sind Respekt und Demut besonders gefragt.
Aus jagdlicher Praxis und naturwissenschaftlicher Erfahrung betrachtet, zeigt sich ein gemischtes Bild. Die Jägerschaft verfügt über Beteiligungsrechte – und bietet damit eine wertvolle Grundlage, die es noch stärker aktiv zu nutzen gilt. Gerade hier liegt eine zentrale Chance: Wer täglich im Revier unterwegs ist, besitzt ein Wissen, das kein Gutachten ersetzen kann. Dieses Wissen gilt es einzubringen. Es geht nicht um Einzelinteressen, sondern um fundierte Bewertungen von Eingriffen in Lebensräume. Werden sie zerschnitten oder entwertet, müssen wir das klar benennen – sachlich und mit Nachdruck. Deutungshoheit entsteht dort, wo Wissen eingebracht, Verantwortung übernommen und Position bezogen wird.
Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis, dass öffentlichkeitswirksame Einzelmaßnahmen häufig im Vordergrund stehen. Dazu zählen etwa einjährige Blühstreifen entlang von Straßen oder isoliert aufgehängte Nistkästen ohne gesicherte Lebensräume. Solche Maßnahmen können sinnvoll sein – entscheidend ist jedoch der Zusammenhang, in den sie gestellt werden. Ein Blühstreifen mag gut gemeint sein – doch stellt sich die Frage, welche nachhaltige Wirkung er tatsächlich entfaltet. Genau hier liegt eine Stärke der Jägerschaft: der Blick für das Ganze. Naturschutz beginnt nicht bei der Maßnahme, sondern beim Verständnis des Lebensraums. Welche Funktion hat die Fläche? Welche Arten profitieren tatsächlich? Und wie fügt sich die Maßnahme in das ökologische Gefüge ein? Wird dieser Zusammenhang mitgedacht, entsteht mehr als ein gutes Bild – dann entsteht wirksamer Naturschutz.
Dabei soll nicht übersehen werden, dass es engagierte und fachlich überzeugende Beispiele gibt. Wo Kopfweidenbestände fachgerecht gepflegt, Moore entkusselt oder Maßnahmen in einen landschaftsökologischen Zusammenhang gestellt werden, zeigt sich, welches Potenzial in jagdlich getragener Naturschutzarbeit liegt. Umso problematischer ist der Flächenfraß, der weiter voranschreitet – und wir bleiben allzu oft still. Löns würde fragen: Wo bleibt unser Protest, wenn Lebensräume zerschnitten, alte Wälder geopfert und Artenschutz zur Verhandlungsmasse wird? Seine Mahnung gilt unverändert: „Der Jäger ist der wahre Freund des Wildes, denn er allein erhält seinen Lebensraum und schützt es vor seiner größten Gefahr: dem Menschen, der nichts weiß.“
Was bleibt also von dem Fund auf dem Dielenboden? Mehr als ein Porträt. Es ist ein Spiegel. Er erinnert uns daran, dass Jagd mehr ist als Technik und Tradition. Sie ist Haltung. Oder, um es mit seinen Worten zu sagen: „Die Natur ist kein Garten, den man nach Belieben umgräbt. Sie ist ein Netz. Wer einen Faden reißt, schädigt das Ganze.“
Das gefundene Porträt hat nun einen neuen Rahmen und hängt wieder sichtbar an der Wand. Es mahnt uns: Jagd ist mehr als Brauchtum. Sie ist Verantwortung. Wir können mehr – und wir haben alles in der Hand, es zu zeigen. Packen wir es an.
Dipl.-Umweltwiss. Anika Börries