Birkwild in Niedersachsen
Das Birkhuhn ist kein typischer Waldbewohner. Es lebt bevorzugt in Mooren, Heidelandschaften und Almwiesen an der Baumgrenze. Da scheint das historische Naturschutzgebiet Lüneburger Heide als größte zusammenhängende Heidefläche nahezu prädestiniert als Lebensraum. Dennoch zählt das Raufußhuhn heute zu den gefährdeten Flugwildarten und ist in Deutschland äußerst selten geworden.
Die Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. als anerkannter Naturschutzverband Niedersachsen setzt sich seit Jahrzehnten für den Erhalt der letzten Flachlandpopulation des Birkwilds in Mitteleuropa ein. Sie unterstützt Maßnahmen, die den Erhalt des Birkwilds in der Lüneburger Heide zum Ziel haben, sowohl finanziell als auch personell. Der jetzige Bestand konzentriert sich auf das Naturschutzgebiet (NSG) Lüneburger Heide, die Truppenübungsplätze Munster-Nord und -Süd sowie Bergen Hohne und den Schießplatz der Firma Rheinmetall in Unterlüß. Die zwei größten Probleme der noch vorhandenen Restpopulation sind die viel zu hohe Prädation, sowohl der Alt- als auch der Jungvögel, und die Verinselung. Die Lebensräume mit den noch vorhandenen restlichen Teilpopulationen, außerhalb der Truppenübungsplätze, werden seit Jahrzehnten immer weiter optimiert, wodurch diese Lebensräume natürlich auch anderen Arten die ebenfalls in diesem Lebensraum leben und auch in Ihrem Bestand bedroht sind, gefördert werden. Diejenigen die von diesen lebensraumverbessernden Maßnahmen besonders profitieren sind Pflanzen wie auch Tiere, die als Spezialisten auf Heide und Moorstrukturen als Lebensraum angewiesen sind.
Naturschutz und militärische Nutzung
Auf den Truppenübungsplätzen werden alle Arbeiten, die im Rahmen der Landschaftsgestaltung für das Militär vorgenommen werden, auch dahingehend geprüft, ob sie die Lebensräume des Birkwilds betreffen. In diesem Fall werden die Maßnahmen so angepasst, dass sie sowohl dem Birkwild dienen, als auch einer militärischen Nutzung nicht entgegenstehen. Die derzeit noch vorhandenen Lebensräume für das Birkwild befinden sich im Vergleich zu manch anderem Lebensraum noch oder wieder in einem relativ guten Zustand, allerdings wird es in unserer stark beanspruchten Landschaft kaum möglich sein, diese Lebensräume weiter auszuweiten, um so auch die Grundvoraussetzung für eine Ausweitung des Birkwildbestands zu schaffen. Die Birkwildpopulation in der Lüneburger Heide ist die letzte Flachlandpopulation des Birkwildes in Mitteleuropa und wird sehr wahrscheinlich auf die derzeit genutzten Lebensräume begrenzt bleiben. Hier wird es also weiterhin von Nöten sein, an allen Optimierungsschrauben zu drehen und wo immer möglich alles an Maßnahmen umzusetzen, was umsetzbar ist.
Ehrlicherweise muss man sagen, dass die vorliegenden Bestandszahlen aus den jetzigen Vorkommensgebieten im Vergleich zu dem früher vorhandenen Bestand teils erheblich abweichen und deutlich unter den in der Vergangenheit registrierten Bestandsdichten liegen. Welche Gründe hier ausschlaggebend sind, kann auch nach dem heutigen wissenschaftlichen Stand nicht abschließend erklärt werden. Fakt ist: Die Birkhühner reproduzieren sich und bringen optisch gesunde Jungvögel zur Welt, die auch, wenn sie nicht von anderen Beutegreifern vor Erreichen der Geschlechtsreife aufgefressen werden, wieder reproduzieren würden. Nahrung scheint in ausreichender Menge, zumindest für den aktuellen Bestand, vorhanden zu sein, denn Nachweise über Nahrungsmangel und damit ausbleibende Reproduktion liegen nicht vor. Junge Birkhühner brauchen vor allem tierisches Eiweiß und ernähren sich deshalb vorwiegend von Insekten, Würmern, Spinnen und Schnecken. Erwachsene Hühner fressen Kräuter, Beeren und Gräser. Bevorzugt werden: Birkenknospen und Heidekraut. Im Winter sind es dann überwiegend Triebe, Knospen, Samen und Nadeln. Wie alle Hühnervögel nimmt auch das Birkwild Steinchen auf, die im Magen die Nahrung zerreiben.
Wie genetisch intakt die Birkwildpopulation tatsächlich noch ist, wird derzeit in einem Untersuchungsprojekt, das über die Tierärztliche Hochschule initiiert wurde, untersucht. Ergebnisse liegen im Moment noch nicht vor.
Prädationsmanagement
Der größte, den derzeit noch vorhandenen Bestand negativ beeinflussende Faktor ist die Prädation. Bei Besenderungen in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass das Birkwild unter einer erheblichen Prädation leidet. In den Kernbereichen selbst wird ein aktives Prädationsmanagement umgesetzt, dass natürlich nicht nur dem Birkwild, sondern allen dort vorkommenden, geschützten und bedrohten Arten hilft. Besonders involviert in das Prädationsmanagement sind der Verein Naturschutzpark e.V und die Firma Rheinmetall in Unterlüß.
Die Umsetzung eines aktiven Prädationsmanagements, nicht nur auf den eigentlichen Kernflächen des Restvorkommens, sondern auch in den umgebenden Flächen ist essentiell für den Erhalt des Birkhuhns. Nur wenn es gelingt nicht nur einige Prädatoren zu entnehmen, sondern alle dem Jagdrecht unterliegenden Arten vom Hermelin bis zum Schwarzwild mit einbezieht, kann es gelingen den Birkwildbestand nicht nur zu erhalten, sondern vielleicht den Gesamtbestand auch wieder etwas ansteigen zu lassen, denn der aktuelle Stand aus dem vergangenen Erfassungsjahr 2025 beträgt knapp 180 Tiere, bei einem fast ausgeglichenen Geschlechterverhältnis. Bei der Umsetzung dieses Prädationsmanagements sind vor allem die Revierinhaber der an die Restpopulation angrenzenden Reviere bei der praktischen Umsetzung der Maßnahmen, aber auch die Politik gefordert, denn nur wenn sich die Politik zum Erhalt des Birkwildes mit den dazu notwendigen Maßnahmen bekennt, kann ein Überleben dieser Art als Charaktervogel der Lüneburger Heide mittelfristig gelingen.
Das Birkhuhn und die Politik
Das Land Niedersachsen hat seine besondere Verantwortung für diese Wildart erkannt und 2023 die Erarbeitung eines Aktionsplans zum Schutz des Birkhuhns eingeleitet. Dieser ist ein Kooperationsprojekt der Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz (NNA) und des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Tierärztlichen Hochschule Hannover sowie weiteren Akteuren. Zu den aktuell beteiligten Akteuren zählen neben den Unteren Naturschutz- und Jagdbehörden der Landkreise Celle, Harburg, Heidekreis, Lüneburg und Uelzen auch der Verein Naturschutzpark (VNP), die Landes-, Bundes- und Klosterforsten, die Bundeswehr, die Firma Rheinmetall, die Landesjägerschaft Niedersachsen, das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (ML), das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz (MU) und die Staatliche Vogelschutzwarte des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Ziel des Aktionsplans ist es, für die Politik eine Handlungsgrundlage zu schaffen, die dem aktuellen Wissensstand entspricht und mit deren Umsetzung zumindest mittelfristig der Birkwildbestand in der Lüneburger Heide erhalten werden soll. Ganz unterschiedliche Handlungsfelder – von der Habitatgestaltung über Aspekte der Freizeitnutzung und des Naturschutzes bis hin zu Monitoring, begleitender Forschung und natürlich der Finanzierung – sollen darin in einem ganzheitlichen Ansatz umgesetzt werden, um die Überlebensfähigkeit der niedersächsischen Population langfristig zu sichern. Auch die Intensivierung des Prädationsmanagements ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Aktiosplans Birkwild. Dieser steht kurz vor der Fertigstellung – muss dann aber noch beschlossen werden.
Reichelt/LJN