Interview mit Veterinär D. RemienBlauzungenkrankheit
Die Blauzungenkrankheit (Bluetongue disease – BT) ist eine virusbedingte, überwiegend akut verlaufende Erkrankung der Wiederkäuer und trat wiederholt in Wildtierbeständen in Niedersachsen auf. Sie ist eine Einzeltiererkrankung und wird nicht direkt von Tier zu Tier übertragen. Das Virus scheint mittlerweile in ganz Europa angekommen zu sein. Veterinärmediziner und Jäger Daron R. Remien hilft uns, die Krankheit näher einzuordnen und hat wichtige Hinweise bei Verdachtsfällen im Revier.
BLATTZEIT:Moin Herr Remien, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für ein Interview genommen haben. Als Jäger und Veterinär sind Sie bestens informiert in Bezug auf Krankheiten, die sowohl unsere Nutz- als auch Wildtierbestände betreffen. Um was für einen Erreger handelt es sich denn genau?
Daron Remien:Guten Tag, Herr Kapuhs, das Blauzungenvirus (Bluetongue-Virus, kurz BTV) gehört zur Gattung Orbivirus in der Ordnung Reovirales. Es handelt sich um ein sogenanntes ARBO-Virus – dieser Begriff steht für „arthropod-borne virus“, also ein durch Arthropoden (blutsaugende Insekten) übertragener Erreger. Betroffen sind vor allem Wiederkäuer, insbesondere Schafe, Rinder und auch verschiedene Wildwiederkäuer.
Wie finden die Übertragung und Ausbreitung statt?
Besonders interessant ist, dass das Virus nicht direkt von Tier zu Tier, sondern ausschließlich über Insekten weitergegeben wird. Das Blauzungenvirus wird durch Gnitzen der Gattung Culicoides spp. übertragen. Die Übertragung von infizierten Gnitzen auf Wiederkäuer – darunter Rind, Schaf, Rehwild, Rotwild, Muffelwild und Damwild – erfolgt sehr effizient: Das Virus vermehrt sich in den Speicheldrüsen der Gnitzen, sodass bereits ein bis zwei Stiche ausreichen, um ein Tier zu infizieren. Das Virus kann sich an rote Blutkörperchen heften und somit monatelang im Blut verbleiben. Damit kann das Virus in Wildwiederkäuerbeständen überwintern und sich im nächsten Jahr weiter durch Gnitzen ausbreiten. Da die Gnitzen stark von Witterungseinflüssen abhängig sind, tritt die Blauzungenkrankheit saisonal auf. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) stuft das Risiko einer Virusverschleppung durch Gnitzen besonders in den Monaten Mai bis Oktober als hoch ein. Kühle Temperaturen unter 12 °C hemmen die Aktivität der Gnitzen, während warme und feuchte Wetterlagen ihre Vermehrung und Ausbreitung deutlich begünstigen. Hinzu kommt, dass die winzigen Insekten durch den Wind über weite Strecken verfrachtet werden können.
Wo hat das Virus seinen Ursprung und wann tauchte es erstmals in Niedersachsen auf?
Die Blauzungenkrankheit ist schon einige Jahre bekannt in Deutschland. Bis zum Jahr 2006 galt die Blauzungenkrankheit in Deutschland als exotische Tierseuche ohne größere Bedeutung. Zwischen 2006 und 2009 kam es jedoch zu einer massiven Ausbruchswelle mit dem Serotyp 8 (BTV-8). Dank gezielter Impfmaßnahmen (Impfpflicht) konnte das Virus anschließend erfolgreich aus den Nutztierbeständen verdrängt werden. Am 12. Oktober 2023 wurde erstmals seit Jahren wieder ein Ausbruch in Deutschland festgestellt: In einem Schafbestand in Nordrhein-Westfalen wurde der Serotyp 3 (BTV-3) nachgewiesen. Kurz darauf, am 25. Oktober 2023, wurde ein weiterer Fall in einem Schafbestand im Landkreis Ammerland (Niedersachsen) amtlich bestätigt. Darüber hinaus breiten sich in anderen europäischen Ländern weitere BTV-Varianten aus.
Wie schnell verläuft die Anpassung der Impfstoffe bei neuen Virus-Varianten?
Bei der Blauzungenkrankheit besteht keine Kreuzimmunität zwischen den verschiedenen Serotypen. Das bedeutet: Ein Impfstoff, der gegen einen bestimmten Serotyp wirksam ist, schützt nicht automatisch vor anderen Serotypen. Daher sind serotypspezifische Impfstoffe erforderlich.
Die Entwicklung solcher Impfstoffe kann mehrere Monate in Anspruch nehmen. Aktuell stehen in Deutschland drei zugelassene Impfstoffe gegen den Serotyp BTV-3 zur Verfügung. Die Kolleginnen und Kollegen in den Großtierpraxen sind bereits seit Wochen intensiv mit der Durchführung der Impfungen beschäftigt. Durch die Impfung kann eine Infektion empfänglicher Tiere verhindert oder zumindest der Schweregrad der klinischen Symptome deutlich reduziert werden.
Wie äußern sich die typischen Symptome bzw. der Krankheitsverlauf, gibt es ggf. Ähnlichkeiten zu anderen Erkrankungen?
Die Symptome der Blauzungenkrankheit (BTV) sind bei Nutz- und Wildwiederkäuern ähnlich, ich gehe hier jetzt speziell auf die Wildwiederkäuer ein. Infizierte Tiere können unterschiedlich schwere Krankheitsverläufe zeigen, von mild bis schwer. Im Revier kann infiziertes Wild durch apathisches Verhalten auffallen: Es wirkt teilnahmslos, die Lauscher hängen herab, und es zieht sich vom Rudel zurück. Zudem können Schwellungen (Ödeme) im Kopfbereich, insbesondere rund um Seher und Äser, auftreten. Es kann auch zu Entzündungen der Bindehaut (Konjunktivitis) sowie zu Nasenausfluss kommen. Die Schleimhäute im Maul sind gerötet und können Erosionen und Läsionen aufweisen. In schweren Fällen entzünden sich die Kronsäume der Schalen, was zu Lahmheit und Bewegungsstörungen führt. Selten zeigen die Tiere zudem starke Atemnot, begleitet von einer Blaufärbung der Lecker. Diese Symptome beeinträchtigen die Wildtiere. Ähnlichkeiten zu anderen Krankheiten, vor allem zu Maul- und Klauenseuche, muss man in Betracht ziehen.
Muss ich bei Verdacht einen möglichen Fall melden und an wen?
Ja, der Verdacht muss gemeldet werden. Bei der Blauzungenkrankheit handelt es sich um eine anzeigepflichtige Tierseuche. Im Tiergesundheitsgesetz § 4 Abs. 5 sowie im §24 Bundesjagdesetz ist niedergeschrieben, dass wir Jäger verpflichtet sind den Verdacht auf Blauzungenkrankheit bei der zuständigen Behörde (Veterinäramt) anzuzeigen.
Dabei sind Standort des Totfundes oder Erlegung, Wildart und Beschreibung der Auffälligkeiten sowie die persönlichen Kontaktdaten mitzuteilen. Das weitere Vorgehen sowie weiterführende Untersuchungen von Proben werden mit dem zuständigen Veterinär besprochen. Dass es zu Einschränkungen der Jagd bei einem positiven BTV-Nachweis kommt, ist ausgeschlossen.
Die Impfung schützt, wie Sie erwähnten, vor einem schweren Krankheitsverlauf und vor Todesfällen. Dies entfällt freilich für wiederkäuende Wildtiere. Hilft ein breiter Impfschutz der Nutztiere dennoch vor einer weiteren Ausbreitung im Allgemeinen?
Gute Frage! Die Empfehlung, empfängliche Wiederkäuer gegen den Serotyp 3 des Blauzungenvirus (BTV-3) zu impfen, zielt darauf ab, Erkrankungen zu verhindern oder zumindest die klinischen Symptome, die Sterblichkeit und weitere Folgen – wie etwa einen Rückgang der Milchleistung – deutlich zu verringern. Die Impfung sollte idealerweise vor Beginn der Gnitzen-Saison erfolgen, da diese Insekten Hauptüberträger des Virus sind.
Wiederkäuende Wildtiere bleiben weiterhin ein Reservoir für das Virus und können nicht geimpft werden. Dennoch trägt eine flächendeckende Impfung der Nutztierbestände wesentlich dazu bei, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und eine erfolgreiche Eindämmung von BTV-3 zu ermöglichen.
Die aktuell auf Freiwilligkeit basierende Impfung weckt die Hoffnung, dass im Sommer dieses Jahres deutlich weniger Fälle von BTV-3 in der Nutztierpopulation auftreten werden.
Abschließend gilt es zu sagen: Seien Sie aufmerksam und handeln Sie verantwortungsvoll – zum Schutz unserer Nutz- und Wildtiere. Die Blauzungenkrankheit, aber auch andere Tierseuchen wie die ASP oder die MKS betreffen in erster Linie unsere landwirtschaftlichen Nutztiere wie Schafe, Rinder und Schweine, diese gilt es genauso zu schützen wie die Wildtiere. Wir als Jäger leisten einen wichtigen Beitrag zur Tiergesundheit und Seuchenprävention, indem wir Veränderungen im Verhalten, Aussehen oder Gesundheitszustand von Wildtieren frühzeitig wahrnehmen und an die zuständigen Stellen melden. Wenn Sie also ein krank wirkendes Stück Wild oder einen untypischen Fall von Verendung beobachten, informieren Sie bitte das Veterinäramt.
Sebastian Kapuhs
Daron Remien
Nach dem Abitur begann Remien mit dem Studium der Veterinärmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, dieses konnte er im Wintersemester 2024/2025 erfolgreich abschließen. Aktuell widmet er sich der Doktorarbeit am Institut für Veterinär-Epidemiologie und Biometrie der Freien Universität Berlin. Den Jagdschein konnte Remien im Jahr 2016 erlangen– seither ist er mit großer Leidenschaft Jäger in der Lüneburger Heide. Ab Herbst wird er dann den Weg in die Fachrichtung der kurativen Kleintiermedizin einschlagen.