Waidwerk 3.0

Foto: Kapuhs/LJN

Die digitale Technik ist in unseren Revieren überwiegend zur ​Normalität geworden. Ob elektronische Fallenmelder oder mobil-​funkbasierte Wildkameras: Ohne diese Gerätschaften ist eine „erfolgreiche“ Jagd, gerade für die jüngere Generation der Jägerinnen und Jäger, kaum noch vorstellbar.


Sicherlich spielt das Thema Zeit eine immer größere Rolle dabei, sich für den Einsatz der elektronischen Technik zu entscheiden. Der Markt der digitalen Jagdmöglichkeiten ist seit Zulassung der Nacht- und Wärmebildtechnik quasi explodiert. Die Industrie wirft – gefühlt im Monatstakt – immer leistungsfähigere Gerätschaften auf den Markt. Der Handel kann den Durst der Kunden kaum stillen, die Lieferanten haben mitunter Schwierigkeiten, überhaupt in den Mengen zu liefern, die momentan gefragt sind.

In aller Munde ist in diesem Jahr die Firma Hikmicro. Der chinesische Hersteller von Wärmebildkameras, Vorsatzgeräten und digitalen Optiken drängt seit ein paar Jahren immer stärker auf den Markt und scheint bei uns Jägerinnen und Jägern momentan das Nonplusultra zu sein. Dabei hat das Unternehmen in seinem Ursprung rein gar nichts mit Jagdoptiken zu tun. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich dieser Art der Jagdtechnik schon immer sehr kritisch gegenüberstehe und bis vor einigen Monaten noch einen großen Bogen darum geschlagen habe. Mit knapp über Mitte vierzig bin ich in der digitalen Welt groß geworden, mit Pixeldaten, Kalibrierungen, Lumenzahl, Reichweiten und ich weiß nicht was für Daten, wollte (und will) ich mich aber nicht auseinandersetzen. Vielmehr ist es mir wichtig, dass die Technik, die ich habe, einwandfrei funktioniert und ich sicher, tierschutzgerecht und ohne Tierleid einen Schuss antragen kann. Noch weiter oben steht für mich das Jagen mit den eigenen Sinnen, dazu zählen ein sehr gutes Auge, sehr gute Ohren und das Verständnis für das Verhalten des Wildes sowie das eigene Verhalten im Revier.

Wer mitreden will, muss testen

Die journalistische Neugierde und Sorgfaltspflicht und vielleicht auch die Tatsache, dass meine Augen in der Dunkelheit zunehmend nachlassen, waren die Gründe, Kontakt zu der Firma aufzunehmen, von der momentan so viele Jägerinnen und Jäger sprechen. Und so begann für mich das Experiment Vorsatzgerät. Hikmicro war so nett und hat meinem Kollegen Sebastian Kapuhs und mir zwei ihrer neuesten Vorsatzgeräte zum Testen zukommen lassen: Zum einen handelt es sich um die Einsteiger-Variante, das Thunder TH35C 3.0, was momentan online für rund 2.000 Euro zu erhalten ist, und das leistungsfähigere Modell TQ 35C 3.0, hier liegt der günstigste Preis im Netz bei rund 2.700 Euro. Das Top-Modell, das Thunder TQ50 CL 3.0, kostet cirka 3.500 Euro und hat neben einer größeren Optik auch noch einen Entfernungsmesser inklusive. Letzteres war zum Zeitpunkt des Tests noch nicht erhältlich.

Zurück zu unseren Test-Gerätschaften. Bei dem Experiment soll es nicht um Datenblätter gehen – diese können online beim Hersteller eingesehen werden. Vielmehr geht es um die Praktikabilität, den „Anbau“, das Einschießen, Kalibrieren und am Ende den hoffentlich erfolgreichen Jagdeinsatz.

Geliefert werden die Vorsatzgeräte in einem Karton mit zwei Akkus, Ladegerät, Bedienungsanleitung und einem Werkzeug, mit dem man die „Sehhilfe“ auf den Adapter montiert. Ein Adapter muss zusätzlich erworben werden und ist immer notwendig – dieser ist das Bindeglied zwischen Vorsatzgerät und Zielfernrohr. Die Preise variieren je nach Ausführung, unsere lagen bei 150 Euro, beziehungsweise 180 Euro. Hier gibt es verschiedene Varianten: Wir haben sowohl mit einer festen Lösung getestet, nämlich einer Verschraubung in Verbindung mit Kleber am Zielfernrohr und einer Art Bajonettverschluss – und mit einer Klemmvariante, diese wird vorne auf das Zielfernrohr geklemmt und ist fest mit dem Vorsatzgerät verbunden. Der Adapter muss immer den Durchmesser vom ZF haben.

Einschießen nur auf dem Schießstand

Nach erfolgreicher Montage, die für beide Varianten nur wenige Minuten in Anspruch nahm, ging es für meinen Kollegen und mich ans Einschießen. Voraussetzung: ein geladener Akku im Vorsatzgerät. Für das Einschießen ist ein Wärmepad erforderlich, diese gibt es in jedem gut sortierten Waffengeschäft oder online. Wir haben unsere Büchsen auf 100 Meter Fleck eingeschossen. Das ist nicht die empfohlene Schuss-Entfernung, auf dem Schießstand gibt es in aller Regel nur diese Option. Beide Geräte schossen bereits bei dem ersten Kontrollschuss und ohne vorheriges Einschießen nicht weit weg von der Zehn. Man nimmt auf der Scheibe dann die Differenzmaße, in unserem Fall waren es knapp acht Zentimeter zu weit rechts und knapp zwei Zentimeter zu hoch. Über das Menü im Vorsatzgerät, was auch für einen Laien wie mich sehr verständlich ist, waren die Korrekturen auf der x- und y-Achse schnell eingestellt. Der zweite Schuss passte bereits. Für uns war an dieser Stelle die Wiederholungsrate wichtig. Wir konnten das Schießergebnis mehrfach reproduzieren, es gab keine Veränderungen durch einen Rückstoß. Natürlich haben wir auf dem Schießstand auch getestet, wie sich die Trefferlage nach dem Abnehmen und erneutem Anbauen des Vorsatzgerätes verhält. Auch hier gab es keine signifikanten Unterschiede. Wir haben abschließend noch das Datum und die Uhrzeit angepasst, zudem die Zeit eingestellt, wie lange das Gerät nach dem Schuss ein Video aufzeichnen soll. All das funktioniert hervorragend über die App und ist als klarer Pluspunkt aufgefallen.

Besonderheiten der neuesten ​Generation Vorsatzgeräte

Die neue Hikmicro-Serie 3.0 hebt sich insofern ab, als dass neben der Möglichkeit der Videoaufzeichnung die Geräte „shutterless“ sind. Vereinfacht ausgedrückt: Das Bild ist ruckelfrei, es gibt kein Standbild mehr. Beeindruckend, schon auf dem Schießstand, war bei beiden Geräten die hohe Bildauflösung, was eine enorme Vergrößerung mit der Optik ermöglicht. Das Sichtfeld ist bei dem TQ größer. Beide Geräte haben die Möglichkeit, ein digitales Fadenkreuz in das Video einzublenden. Auch dieses muss kalibriert werden, die Einstellung ist recht einfach.

Insgesamt war unser anderthalbstündiger Aufenthalt auf dem Schießstand sehr kurzweilig, die Geräte schnell eingeschossen, die Bedienung einfach und verständlich. Ein Einschießen im Revier ist sicher machbar, wir raten ausdrücklich davon ab, da die Bedingungen auf einem Schießstand um ein Vielfaches besser sind.

Blattzeit-Redakteur Kapuhs mit 60 Kg Überläuferkeiler, erlegt mit dem TH35C

Raus ins Revier

Nachdem sowohl mein Kollege Sebastian Kapuhs als auch ich recht sicher im Umgang mit der neuen Technik waren, haben wir uns im niedersächsischen Harz verabredet. Seit Wochen treiben dort die Sauen ihr Unwesen und drehen jede noch so kleine Grünlandfläche auf links. Während ich den Komfort einer Kanzel genießen sollte, pirschte sich Sebastian Kapuhs durch die Nacht der hügeligen Landschaft. Am Ende des Jagdtages konnte er sicher zwei Sauen erlegen, beide Schüsse saßen perfekt, gleichwohl die äußeren Bedingungen Mensch und Technik einiges abverlangten. Nach dichtem Nebel gab es neben vielen Wolken vor dem Vollmond auch noch Regen. Dennoch war in beiden Fällen ein sauberes Ansprechen möglich. Beide Treffer lagen da, wo der Schütze abgekommen ist. Bei mir reichte es nur für einen tollen Anblick, einen Schuss konnte ich auf die Rotte, die bei mir kam, nicht antragen. Es passte einfach nicht.

Dafür hatte ich nur wenige Tage später Waidmannsheil in meinem eigenen Revier und konnte sowohl einen Frischling als auch einen Fuchs strecken. Auch hier saßen beide Schüsse dort, wo ich abgekommen war.

Fazit

Die neue Generation Vorsatzgeräte ist für mich als Greenhorn beeindruckend. Die Bildqualität, egal von welchem der beiden getesteten Geräte, ist herausragend, die Bedienung sehr leicht, die Videos vor und nach dem Schuss, abgesehen von der hohen Qualität, ein großer Gewinn, da später genau beobachtet werden kann, wo man abgekommen ist. Ein sicheres Ansprechen und ein präziser Schuss sind für einen guten Schützen auch bei dunkelsten Lichtverhältnissen auf jeden Fall möglich. Und hier schließt sich mein „Aber“ an: Schon jetzt ist bekannt, dass sich das Schwarzwild in Revieren, in denen die Nachtsichttechnik 365 Tage im Jahr genutzt wird, in seinem Verhalten komplett ändert. Die Sauen ziehen, wirken nervös, gehen nur selten an Kirrungen und verursachen bei zu großer Unruhe im Revier noch mehr Schaden. So erachten wir beide die Technik unter Einbindung des gesunden Menschenverstandes in den Mondphasen für sehr sinnvoll, sie stellt eine sinnvolle Ergänzung zu den modernen Zielfernrohren dar. Außerhalb dieser Zeiten sollten wir dem Wild auch seine Ruhe geben. Das danken uns am Ende auch alle anderen Wildarten.

 Wulf-Heiner Kummetz