Mit dem Verein Kitzrettung-Esterwegen e.V. organisiert in die Saison starten"Wollen wir das nicht selbst machen?"
Es ist Ende April und die Frühmahd steht unmittelbar bevor. Dank des technischen Fortschritts hat sich die Rettung von Jungwild in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt. Vom Plastikbeutel über das Radio und den akustischen Wildwarner bis hin zur hochtechnisierten Wärmebilddrohne vergingen nur wenige Jahre. Bevor nun die Updates der zahlreichen unbemannten Luftfahrzeuge im Land heruntergeladen und die vielen Akkus aufgeladen werden, hat Blattzeit-Redakteur Sebastian Kapuhs sich mit den Gründern des Vereins „Kitzrettung-Esterwegen e.V.“ getroffen. Ihre gute Struktur und Organisation sind vorbildlich für professionelle Drohneneinsätze, von denen sich angehende ehrenamtliche Kitzretter und Drohnenpiloten gewiss noch etwas abschauen können.
Von der Idee zum Verein
In vier Tagen von der Idee zur Gründung eines Vereins – eigentlich undenkbar. Doch schon der Start verlief für Martin Breer und seine Mitstreiter mustergültig. An einem Freitag im Mai 2023 kam erstmals die Idee auf, sich mit einem eigenen Verein für die Kitzrettung starkzumachen. Der Gedanke: selbst machen, ungebunden sein und Dinge schnell und effizient umsetzen! Am darauffolgenden Dienstag fand sogleich die Gründungsveranstaltung statt. Die Rollenverteilung der beteiligten Jägerinnen und Jäger lag berufsbedingt auf der Hand: Breer selbst fliegt betrieblich eine Drohne für ein Ingenieurbüro, ein Rechtsanwalt half bei der Vereinsregistereintragung und den Ausnahmegenehmigungen für umliegende Naturschutzgebiete, das Logo entwarf der jagende Werbetechniker, die Social-Media-affine Tochter des Jagdkollegen betreut den Facebook- und Instagram-Kanal und die Kassenwartin des neu gegründeten Vereins arbeitet zufällig beim Finanzamt. Eine undenkbar gute Ausgangslage!
Innerhalb von vier Wochen war der Verein einsatzbereit, die Satzung per Gericht genehmigt und die Gemeinnützigkeit anerkannt – elf Personen bildeten nun den „Kitzrettung-Esterwegen e.V.“ Betreut werden sechs Reviere mit einer Gesamtfläche von 2.800 ha. „Uns war klar, dass wir eine sehr gute Organisation bräuchten, um die großen Flächen und die sich überschneidenden Einsätze zu bewerkstelligen. Die Ideen für die praktische Umsetzung kamen nach und nach durch andere Drohnenteams und einen befreundeten Tierarzt", so Martin Breer.
Die Struktur
Für jeden Bereich des Vereins gibt es einen Beauftragten. Drohnen-Obmann Matthias Toben kümmert sich beispielsweise um Service, Updates, Lizenzen, Versicherung und ist Ansprechpartner in technischen Fragen für alle Drohnenpiloten. Einsatzkoordinator Manuel Meibers bildet die Schnittstelle zwischen Landwirten und Piloten und ist mit einem speziell hierfür angeschafften Handy mit Vereinsnummer telefonisch erreichbar. Die Einsatzleitung liegt bei Hannes Lüken und Martin Breer. Sie erstellen die Einsatzpläne mit den Flächen, Uhrzeiten, Piloten, Helfern und den jeweiligen Ansprechpartnern. Hans Blömer, zweiter Vorsitzender, ist Landwirt und somit Sprachrohr für die Jagdgenossenschaft. Anja Breer als Schriftführerin dokumentiert die Vereinsgeschehnisse, ebenfalls mit beruflich passendem Hintergrund. Die zehn Piloten sind mit den Fernpiloten-Zertifikaten A1/A3 und A2 ausgestattet.
Das Equipment
Fünf Drohnen wurden seit der Gründung angeschafft, vier DJI Mavic 3T und eine DJI Matrice 4T – gefördert durch das BMEL und durch die Jägerinnen und Jäger der sechs dem Verein zugehörigen Reviere. Ein weiteres unabdingbares Utensil der Kitzrettung sind die Einkaufs-Klappboxen. 20 Stück der platzsparenden Boxen wurden von der Bünting-Gruppe gesponsert. Da es bereits vorkam, dass die Ricke das Kitz aus der umgedrehten und beschwerten Box befreite und dass obendrein frühmorgendliche Spaziergänger die Kitze noch vor der Mahd wieder laufen ließen, war schnell die Idee eines speziellen Aludeckels geboren. Der beschriftete Deckel wurde mit einem Scharnier angebracht und lässt sich per Kabelbinder verschließen. Die Hinweise und QR-Codes zu den Social-Media-Kanälen sind zugleich eine tolle Form der Öffentlichkeitsarbeit. Den stabilen Kescher zum Einfangen etwas mobilerer Kitze hat der örtliche Angelladen gesponsert. Kein Verein ohne Vereinskleidung – Ein Statiker-Büro sponserte die einheitliche Kleidung, bestehend aus winddichten Jacken, Fleece-Mützen und wasserdichten Beinlingen. Zuletzt sei noch der Aufsteller „Abgesucht“ erwähnt. Zusätzlich zur Kommunikation via Telefon und WhatsApp, signalisiert das Schild „Abgesucht“ dem Landwirt oder Lohnunternehmer die bereits abgeflogene Fläche. Da der Handyempfang mancherorts eingeschränkt ist, gibt es zusätzlich leistungsstarke Walkie-Talkies zur Verständigung.
Die Kommunikation
Es klingt übertrieben, aber tatsächlich bilden drei WhatsApp-Gruppen die Grundlage der Kommunikation:
Eine reine Vorstandsgruppe für vereinsinterne Angelegenheiten. Eine Pilotengruppe zur Absprache der anstehenden Einsätze und eine Helfergruppe für die zusätzliche Unterstützung vor Ort. Nach der telefonischen Absprache zwischen Landwirt und Einsatzkoordinator erhalten die Piloten Google-Maps-Pins von den entsprechenden Flächen. Nach Abfrage der Piloten und Helfer schreiben Breer und Lüken die Einsatzpläne. Bei bis zu 17 Einsätzen pro Tag werden die betreffenden Flächen vorsortiert, so dass die Fahrten möglichst gering und der Zeitaufwand überschaubar bleibt.
Der Einsatz
Bis spätestens 8 Uhr morgens muss alles erledigt sein, da sich trotz modernster Wärmebildtechnik zu viele Fehlerquellen wie aufgeheizte Maulwurfshügel, die ebenfalls als Wärmequelle angezeigt werden, einschleichen. Alle Flächen werden im manuellen Modus abgeflogen. Dies ist deutlich schneller und effizienter für die Profis. Für Einsteiger, insbesondere bei Einstellungen zu Geschwindigkeit und Flug-Modi, ist der Automatik-Modus natürlich empfehlenswert. Zur Orientierung beim manuellen Fliegen dienen Pflegespuren, Entwässerungsgräben oder weitere markante Linien und Punkte, um auch alle Bereiche sicher zu erfassen. Je nach Witterung beträgt die Flughöhe 30 bis 60 Meter. Die Helfer werden über Walkie-Talkies zu den Kitzen gelotst. Je nach Größe der Fläche sind mindestens zwei Helfer und ein Pilot pro Fläche im Einsatz. Die gefundenen Kitze werden in den verschließbaren Boxen gesichert und im Schatten abgelegt. Direkt nach der Mahd werden diese durch die Helfer in unmittelbarer Nähe ausgesetzt. Die Zeit in der Box sollte so kurz wie möglich sein.
103 Mitglieder verzeichnet der Verein mittlerweile. Das Besondere: Alle Landwirte mit eigenen Flächen sowie die Jägerinnen und Jäger innerhalb der sechs Reviere sind dem Kitzrettung-Esterwegen e.V. beigetreten. Dies stärkt den Zusammenhalt ungemein. Ebenso wird der Verein durch den Hegering Nordhümmling und die Jägerschaft Aschendorf-Hümmling sowie durch die Gemeinde Esterwegen finanziell unterstützt, was die Professionalität und den Auftritt enorm stärkt.
Sebastian Kapuhs