Interview mit Dr. Remien - Die Aujeszkysche Krankheit
Die Meldungen von positiven Befunden bezüglich der Aujeszkyschen Krankheit in Niedersachsen häuften sich zuletzt, sicherlich auch im Zuge der vermehrten Blutprobennahme von erlegtem Schwarzwild im Zusammenhang mit der Ausbreitung der ASP. Wir haben mit Dr. Dirk Remien, Jäger und Leiter der Tierklinik Lüneburg, über den Erreger, die tatsächliche Ausbreitung sowie über die Gefahr für Nachsuchenhunde gesprochen.
Sebastian Kapuhs Moin Herr Dr. Remien, vielen Dank, dass sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Zuletzt haben wir vermehrt positive Nachweise der AK (Aujeszkysche Krankheit) hier in Niedersachsen erhalten. Insbesondere für Hundeführer, die häufig Schwarzwild-Kontakt haben, kann diese Zunahme besorgniserregend sein. Um die Verbreitung und das Gefahrenpotential besser einordnen zu können, klären Sie uns doch bitte auf - um was für einen Erreger handelt es sich denn überhaupt?
Dr. Dirk Remien Moin Herr Kapuhs, das will ich gerne tun. Besonders für am Schwarzwild jagende Hundeführer gibt es oft große Sorgenfalten auf der Stirn, wenn es um das Thema AK geht. Da die Erkrankung beim Hund immer tödlich verläuft, ist sie von besonderer Brisanz. Es gibt viele Halbweisheiten, die in Jägerkreisen zirkulieren und die Sache oft nicht besser machen. Die AK ist eine hochansteckende, weltweit verbreitete Viruserkrankung. Betroffen sind zahlreiche Säugetierarten, wobei Wild- und Hausschweine die Hauptwirte sind. Die Krankheitssymptome unterscheiden sich ein wenig nach Altersgruppen. Betroffene Tiere können vollständig symptomfrei sein (stumme Durchseuchung und damit persistierende Virusträger), es können jedoch auch Juckreiz, Fieber und Lähmungserscheinungen auftreten. Bei Frischlingen ist sogar eine hohe Sterblichkeit möglich. Bei Hunden, Katzen und Rindern verläuft die Infektion mit dem AK-Virus immer tödlich. Das Herpesvirus weist im Vergleich zu ähnlichen Erregern eine hohe Überlebensfähigkeit auf und kann auch im Boden oder sogar in gepökeltem Fleisch bis zu 20 Tage infektiös bleiben. Durch umfangreiche, seuchenhygienische Sanierungsprogramme ist der Hausschweinbestand in Deutschland seit 2002 AK-frei. D.h. positiv getestete Tiere wurden eliminiert, nur so gelang es, die Krankheit bei den Hausschweinen auszumerzen.
Bei freilebenden Wildschweinen ist der Erreger latent vorhanden. Eine Impfung ist nicht möglich. Entscheidend für die Verbreitung ist, dass hier eine lebenslange Viruspersistenz vorliegt. Ein infiziertes Wildschwein ist somit ein lebenslanger Träger und Ausscheider des Herpesvirus. Die Erkrankung ist daher nicht selbstlimitierend. Der Mensch ist für das Virus nicht empfänglich, als resistent gelten weiterhin Pferdeartige und Primaten.
Sie sprachen bereits die Verbreitung an – Wo haben wir aktuell AK-Herde und wie rasant verbereitet sich das Virus?
Das Virus kommt in allen Bundeländern mehr oder weniger deutlich vor. In Niedersachsen gibt es einen Herd, der ursprünglich seine Verbreitung in Süd-Niedersachsen um den Raum Harz und Göttingen verortet hat sowie ein weiterer Herd von der Heide bis Ost-Niedersachsen. Ebenso haben viele europäische Länder positive AK-Nachweise und die Verbreitung nimmt weiter zu.
Wie verläuft eine Infektion beim Hund und wie wahrscheinlich ist diese?
Die Infektion läuft über alle Ex- und Sekrete. So können aufgenommene Sekrete bspw. aus Nase, Auge oder Genitalien eines infizierten Wildschweins über die Schleimhäute der Nasenhöhle des Nachsuchenhundes relativ zügig in die Nervenbahn (neurotrophes Virus) gelangen. In Folge dessen kommt es fast immer zu einer Enzephalitis (Hirnentzündung), welche die klassischen Symptome verursacht. Diese können einzeln oder in Summe auftreten, wie Benommenheit, Inkoordination, Verweigerung des Fressens, depressives Verhalten, permanentes Bellen, massiver Juckreiz.
Durch die fortschreitende Erkrankung kommt es dann weiter zu Atemnot und Schluckbeschwerden– daher auch die Bezeichnung Pseudo-Tollwut. Letztlich sterben alle erkrankten Hunde innerhalb von zwei bis fünf Tagen. Die Krankheit ist nicht heilbar. Das Aufsuchen eines Tierarztes ist bei ersten Symptomen dennoch enorm wichtig, da auch andere, heilbare Erkrankungen einen ähnlichen Verlauf nehmen können. Beim Hund kommt die AK jedoch relativ selten vor – also ein bis drei Fälle pro Jahr in Deutschland. Im Vergleich zu den positiven AK-Fällen beim Schwarzwild haben wir also nicht auch parallel einen Anstieg der positiven Befunde beim Hund. Der „einfache Freizeithund“ kommt eher selten mit Ex- oder Sekreten von Wildschweinen in Kontakt, am ehesten wohl über den Speichel von Keilern während der Rauschzeit, der sich am frühen Morgen noch am Gras oder an Zweigen hält. Eine Ansteckung über Blut (bspw. während der Schweißarbeit) ist eher gering, da das Virus nur in der virämischen Phase in der Blutbahn vorhanden ist – dies ist ein sehr kurzer Zeitraum in der Infektionsphase beim Wildschwein.
Das bedeutet, dass die Schweißaufnahme von einem infizierten Tier nicht automatisch zur Infektion beim Hund führen muss – gänzlich ausschließen kann man dies jedoch nicht. Was auf der Jagd, am Streckenplatz oder während der Nachsuche vermieden werden sollte:
1. Aufnahme von Lunge (Ausschuss) oder Lungensekret
2. Kontakt mit Nasen- Maul- und Darmsekret am erlegten Stück
3. Verfütterung von Innereien und Rohfleisch
4. Das Auflecken von zusammengelaufenem Schweiß am Aufbrechplatz
Sind der Wolf und andere Wildcarnivoren ebenfalls empfänglich für das AK Virus?
Es gibt ein eigenes Referenzlabor für die AK beim Friedrich-Löffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems. Dr. Thomas Müller vom FLI berichtet hierzu, dass eine Infektion theoretisch auch bei Luchs, Fuchs und sogar bei Reh- oder Rotwild möglich ist. Praktisch gibt es hierzu keine bestätigten Fälle. Ebenso kann der Krankheitsverlauf oder die Mortalität stark variieren. In Italien wurden bereits an AK erkrankte Wölfe nachgewiesen. Hier bei uns in Deutschland wurden seit 2004 alle tot aufgefunden Wölfe auf AK beprobt, sie waren allesamt negativ.
Gibt es bereits einen Impfstoff für Hunde, beziehungsweise wird daran möglicherweise geforscht?
Aufgrund der geringen Schutznotwendigkeit gibt es aktuell keine Impfung für den Hund. Es existiert ein Impfstoff für Hausschweine, welcher in allen europäischen Ländern zugelassen ist. Es gab Versuche, diesen Impfstoff auch bei Hunden einzusetzen. Sogar mit der Reaktion der Bildung von Antikörpern beim Hund, jedoch ohne ausreichende Schutzwirkung gegen die rasant verlaufende Erkrankung.
Abschließend möchte ich betonen, dass AK zwar latent in den Schwarzwildbeständen vorkommt, aber übertriebene Sorge und Hysterie nicht Ihr jagdliches Handeln bestimmen sollte. Bei der momentanen Infektionslage sind die Krankheitsfälle beim Hund eher sehr gering. Die Ansteckungsgefahr über Schweiß und Blutkontakt wird überschätzt. Genießen Sie die wertvolle Arbeit mit ihren Hunden.
Weitere Informationen zur AK gibt es auf der Website des LAVES
Sebastian Kapuhs
Dr. Dirk Remien
Nach dem Studium der Tiermedizin in Hannover und verschiedenen Assistenzstellen folgt 2001 die Promotion und Mitinhaberschaft der Tierklinik Lüneburg. Er ist Präsident des Verbundes unabhängiger Kleintierkliniken (VUK) 1990 absolvierte Remien bereits die Jägerprüfung und ist Jagdwesen sowie Hegeringleiter in der Jägerschaft Uelzen. Neben der hauptverantwortlichen Leitung der Tierklinik Lüneburg sind Remiens Hauptthemengebiete das Hundewesen, Wildbrethygiene, jagdliche Praxis und Tierkrankheiten.