Die Altersbestimmung von Damhirschen

Damhirsch
Dieser Damwild-Schaufler ist 11–12-jährig – Quelle: hammerschmidt

Das sichere Ansprechen von Damhirschen ist auch für den erfahrenen Jäger nicht einfach.

Ein besonderes Problem stellen die mitunter widersprüchlichen Altersmerkmale am Geweih dar. Neben den Altersmerkmalen am Geweih können Körpermerkmale und Verhaltensmerkmale das Ansprechen abrunden. Bei den 5-7-jährigen Hirschen besteht die Gefahr, dass ein kapitales Geweih auf einen reifen Hirsch schließen lässt und zur voreiligen Erlegung eines Zukunftshirsches verführt. Reif ist ein Damhirsch aber erst mit 8-9 Jahren. Für eine artgerechte Alters- und Sozialstruktur ist es wichtig, dass Fehlabschüsse auf ein Minimum begrenzt werden.

Junge Hirsche

Die 1- und 2-jährigen Hirsche sind einfach anzusprechen. Bei den 1jährigen Hirschen, den Spießern, wird v.a. die Geweihmasse und Länge der Spiesse als Kriterium für die Erlegung herangezogen. Vorrangig sollten „Knopfspießer“ erlegt werden, weil deren Spieße nur 5 cm lang sind. Das Haupt der 2-jährigen Damhirsche („Knieper“) ist schmal und spitz, der Träger ist dünn und wird aufrecht getragen. Knieper mit einer Schaufelbreite von 5-6 cm und mehr sollten geschont werden. Bei einer Schaufelbreite von weniger als 5-6 cm oder fehlender Schaufelbildung („Rothirschgeweih“) können Knieper erlegt werden.

Damwild auf Wiese
Ein gut veranlagter Knieper wechselt über das Grünland – Quelle: Hammerschmidt

Mittelalte Hirsche

Die 3-jährigen Hirsche haben auch noch ein schmales spitzes Haupt und einen dünnen aufrecht getragenen Träger. Das Geweih ist klein und wirkt gedrungen. Die 4-jährigen Hirsche können bereits ein gut entwickeltes Geweih mit deutlich ausgeprägten Schaufeln tragen und sind deswegen schwer anzusprechen. Die 5-8-jährigen Hirsche wirken vom Geweih und vom Körper her schon kräftiger. Der Wildkörper hat eine rechteckige Kontur, die Rückenlinie ist waagerecht. Mit zunehmendem Alter wird der Träger immer kräftiger und das Haupt erscheint weniger spitz. Das Geweih ist bei den 5-jährigen Hirschen nahezu fertig ausgebildet. Einzelne Hirsche können bereits ein kapitales Geweih tragen. Die 5-8jährigen Hirsche stellen in der Brunft den Platzhirsch. Selten sind die Platzhirsche älter als 8 Jahre. Aufgrund der hohen Verluste durch Verkehr, Elektrolitzen und Brunftmortalität sollten mittelalte Hirsche mit regelmäßigen Schaufeln und guter Veranlagung geschont werden. Umgekehrt sollten mittelalte Hirsche nur dann erlegt werden, wenn sie zu schmale oder tief geschlitzte Schaufeln haben oder ein abnormes Geweih tragen. Bei den mittelalten Hirschen ist also äußerste Zurückhaltung geboten.

Ein Damhirsch der Klasse II – 6-7-jährig. Die breiteste Stelle der Schaufel ist noch lange nicht oben angekommen – Quelle: Hammerschmidt

Alte Hirsche

9-10-jährige Hirsche gelten als alt und reif. Das Geweih wirkt massig. Die breiteste Stelle der Schaufel befindet sich an ihrer Oberkante, die Mittelsprossen „wandern“ nach oben. Die Augsprossen werden meistens kürzer. Im Alter von 10 Jahren beginnen die Hirsche mit dem Zurücksetzen des Geweihs. Das Haupt wirkt stumpfer. Der Körperschwerpunkt befindet sich über den Vorderläufen. Auf dem Rücken wird der Widerrist sichtbar. 11-12-jährige Hirsche setzen ihr Geweih erkennbar zurück. Die Mittelsprossen befinden sich unmittelbar unter der Schaufel oder auch an derer Vorderseite, sie werden kürzer oder fehlen mitunter gänzlich. Der Träger ist massig und wird eher waagerecht getragen. Das Haupt ist stumpf und nach vorne gewölbt („Rammskopf“). Auf dem Rücken ist der Widerrist erkennbar, der Schwerpunkt des Wildkörpers befindet sich über den Vorderläufen.

Veränderung des Wildkörpers im im Verlaufe des Jahres

Körpermerkmale runden die Altersansprache ab. Anfang April haben auch die alten Hirsche einen dünnen Träger, weil das Damwild in den Wintermonaten in den „Energiesparmodus“ geht und die Hirsche nicht mehr kämpfen. Schließlich trägt auch das Abwerfen des Geweihs im April zu einer Rückbildung der Trägermuskeln bei, weil diese nichts mehr zu tragen haben. Ab August legen Wildkörper und Träger deutlich zu. Das Fegen des Bastgeweihs und die zunächst spielerischen und später erbitterten Rangkämpfe haben zur Folge, dass die Trägermuskeln wieder deutlich zunehmen. Den größten Umfang hat der Träger in der Brunft im Oktober/ November erreicht.

Entwicklung der Schaufeln

Das Geweih ist im Alter von 5 Jahren voll ausgebildet. Die breiteste Stelle der Schaufel befindet sich dann ungefähr in ihrer Mitte. Mit zunehmendem Alter wandert die breiteste Stelle der Schaufel nach oben. Den Entwicklungshöhepunkt erreichen die Schaufeln mit etwa 9-10 Jahren. Die breiteste Stelle der Schaufeln befindet sich dann ganz oben. Anschließend beginnt sofort das Zurücksetzen des Geweihs. Die Schaufeln fallen keilförmig ab und setzen deutlich zurück. Die Schaufeln bilden mitunter ein Dreieck, werden kleiner oder wirken „zerfleddert“.

Zusammenfassung

Wichtig ist, nicht nur ein Altersmerkmal zur Alterschätzung zugrunde zu legen, sondern alle erkennbaren Merkmale. Je mehr zutreffen, desto besser. Auch sollten sie deutlich zu erkennen sein. Häufig sind die eindeutigen Altersmerkmale auch nur an einer der beiden Stangen und Schaufeln vorhanden. Sind insgesamt 3-4 der zuvor genannten Geweihoder Körpermerkmale zu erkennen, so wird es sich ziemlich sicher um einen reifen Damhirsch handeln. Dabei ist es nicht von Bedeutung, ob der Hirsch 10, 11 oder 12 Jahre alt ist. Wenn ein reifer Damhirsch freigegeben ist, dann darf kein 6-7jähriger auf der Strecke liegen. Für eine artgerechte Altersstruktur ist es besonders wichtig, dass Fehlabschüsse auf ein Minimum begrenzt werden. Das richtige Ansprechen ist deswegen von besonderer Bedeutung.

Jan-Wilhelm Hammerschmidt

Jan-Wilhelm Hammerschmidt, Jahrgang 1948, ist Jäger seit 1964, Eigentümer eines Eigenjagdbezirks im Kreis Plön in Schleswig-Holstein und zertifizierter CIC-Trophäenbewerter. Von 2004 bis 2024 war er Kreisjägermeister des Kreises Plön und u.a. verantwortlich für die Abschusspläne eines der bedeutendsten Damwildvorkommen in Deutschland. Die Strecken liegen hier jährlich bei über 3.200 Stück Damwild. Diese Aufgabe setzt umfassende Erfahrungen mit dieser Wildart voraus. Seine Broschüre und seine Vorträge zum Thema „Das Ansprechen von Damhirschen“ sind deutschlandweit bekannt. So hat er auch in Niedersachsen durch zahlreiche Vorträge zwischen Bremervörde und Rothenburg /W. zur Weiterbildung der dortigen Damwildjäger massgeblich beigetragen. 2022 erhielt er die DJV-Verdienstnadel in Gold für seine Verdienste um das deutsche Waidwerk.