Strukturveränderung durch Kiesabbau 

Neue Lebensräume für Wildgänse

In der Jägerschaft Nienburg liegt das größte Kiesabbaugebiet Niedersachsens. 900 Hektar der Samtgemeinde Mittelweser sind bereits Kies-Seen. Der überwiegende Teil liegt an der Weser. 

Verschiedene Kiesabbauunternehmen haben neue Planfeststellungsanträge gestellt. Eine Fläche von 1.580 ha ist laut Bodenabbauleitplan (BALP) als Vorranggebiet erster Priorität (2000 bis 2030) für die Rohstoffgewinnung ausgewiesen. Die Baufachbereichsleiterin der Samtgemeinde Mittelweser Doris Salomé spricht von „tiefgreifenden Veränderungen“ für die nächsten 20 bis 30 Jahre. „Hochwertiges Ackerland fällt weg. Ein Flächendruck entsteht, Ackerland wird zur Mangelware durch diese Entwicklung.“

Aus einer Pressemitteilung der Samtgemeinde geht hervor; „Die Samtgemeinde Mittelweser ist eines der größten zusammenhängenden Kiesabbaugebiete Niedersachsens.“ Schon 1994 habe die damalige Gemeinde Stolzenau errechnen lassen, dass 63 Prozent ihrer Fläche für den Bodenabbau vorgesehen ist. „Der Bodenabbau ist eine klare Zielrichtung des Landes. Dem Bodenabbau wird hohe Priorität eingeräumt, da Kies ein hochwertiger Baustoff ist…“. In seiner Diplomarbeit über den Kiesabbau hat Herr Jörg Backhaus errechnet, dass jeder Mensch in Deutschland in 70 Lebensjahren 324 t Sand und Kies verbraucht. „Der Bedarf an diesen heimischen Rohstoffen ist damit mengenmäßig wesentlich größer als der Massenverbrauch der Energieträger Erdöl oder Kohle. Um diesen hohen Bedarf zu decken, werden immer neue Abbauflächen für Kies und Sand an der Mittelweser erschlossen. Durch den fortschreitenden Abbau wird sich das Landschaftsbild im Wesertal in den nächsten Jahrzehnten jedoch gravierend ändern und eine völlig neue Identität bekommen.“

Die Mittelweserregion besteht aus Flachland. Zu beiden Seiten der Weser und ihrer Zuflüsse befinden sich weite Marsch-, Geest- und Moorlandschaften mit ursprünglich gebliebenen Wäldern. Weite Teile des Gebietes werden landwirtschaftlich genutzt. Der südliche Teil der Mittelweserregion gehört zum Mittleren Wesertal, an das sich nördlich das Urstromtal der Aller anschließt.

Durch die schwindenden Ackerflächen, verschwinden auch Lebensräume für viele Wildarten. Andere Arten profitieren von der Zunahme der Kies-Seen. Schon jetzt ziehen die riesigen Wasserflächen Enten, Schwänen und tausende von Gänsen an. Die Hauptgänsearten sind Nilgans, Graugans, Blessgans und Saatgans. Die Blessgänse kommen Anfang Oktober und ziehen erst Ende Februar zurück. 

Die Vögel nutzen die weiterwachsende Seenlandschaft und deren Umgebung als Rastflächen. Sehr zum Leid der Landwirte, Fraß-Schäden auf den verbliebenen Feldern sind eine logische Folge. 

Dadurch wächst auch der Druck für die heimischen Jäger. Waren sie vor Jahren hauptsächlich Feldjäger mit den Leitwildarten Rehwild, Feldhase, Feldhühner, einigem Wasserwild und Raubwild, entwickeln die Bestände sich immer mehr zum Wasserwild, wie Grau-, und Nilgänse. Dies spiegelt sich auch in den Streckenzahlen im Landkreis wieder. 

Strecken im Landkreis

Graugans:  

2020/21 1298 Stück davon im Hegering 4    656 Stück

2021/22 1771 Stück davon im Hegering 4    926 Stück

2022/23 1706 Stück davon im Hegering 4    924 Stück

Nilgans:         

2020/21 823 Stück davon im Hegering 4      435 Stück

2021/22 759 Stück davon im Hegering 4      394 Stück

2022/23 872 Stück davon im Hegering 4      463 Stück

Mit den neuen Verteilungen der Wildarten, mussten die Jäger auch ihre Jagdarten anpassen. Im Kiesgebiet sind kaum noch Treibjagden und Streifen auf Niederwild möglich. Vielmehr wird zur Gänsebejagung und damit auch zur Sicherung der Agrarflächen auf die Lockjagd gesetzt.

Die Inseln und Schilfgürtel in und an den neuentstandenen Gewässern werden neben vielen weiteren Tierarten ebenso gern vom Schwarzwild angenommen. Die Bejagung ist aufgrund der unübersichtlichen Gebiete stark erschwert. Das Schwarzwild und die Wasservogelwelt zählen zu den Gewinnern der strukturellen Veränderungen im neu geschaffenen Lebensraum an der Mittelweser. 

Ralf Eickhoff